Statistisches Bundesamt

Kohle überholt Windkraft als wichtigste Quelle für Stromerzeugung

Im ersten Halbjahr 2021 wurde mehr Strom mit Kohle als mit Windkraft erzeugt. Die mit Kohle, Erdgas oder Kernergie erzeugte Strommenge stieg im Vergleich zum Vorjahr um ein Fünftel. Der Anteil erneuerbarer Energien ging zurück - vor allem wegen des windarmen Frühlings.

13.09.2021, 12:20 Uhr (Quelle: DPA)
Erneuerbare EnergienAuch wenn Deutschland den Abschied von der Kohle plant: Im ersten Halbjahr 2021 wurde mehr Strom mit Kohle als mit Windkraft erzeugt.© PhotographyByMK/ Fotolia.com

Kohle hat als Energieträger für die Stromproduktion im ersten Halbjahr 2021 die Windkraft wieder vom ersten Platz verdrängt. Mehr als die Hälfte (56 Prozent) der gesamten in Deutschland erzeugten Strommenge von 258,9 Milliarden Kilowattstunden stammten nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes in diesem Zeitraum aus konventionellen Quellen wie Kohle, Erdgas oder Kernenergie. Das war gut ein Fünftel (20,9 Prozent) mehr als ein Jahr zuvor, wie die Wiesbadener Behörde am Montag mitteilte. Der Anteil erneuerbarer Energien wie Wind, Solarenergie und Biogas sank dagegen zum Vorjahreszeitraum um 11,7 Prozent auf 44 Prozent. Branchen- und Umweltverbände forderten einen schnelleren Ausbau der erneuerbaren Energien und der Speicher für Ökostrom.

Zu wenig Wind im Frühjahr 2021

Wegen des windarmen Frühjahrs sei der Anteil der Windenergie im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um gut ein Fünftel (21 Prozent) gesunken, erklärten die Statistiker. Dadurch sank der Anteil der Windkraft an der ins Netz eingespeisten Menge von 29,1 Prozent auf 22,1 Prozent. Die Einspeisung von 57,1 Milliarden Kilowattstunden Windstrom war der niedrigste Wert für ein erstes Halbjahr seit 2018. Im ersten Halbjahr 2020 hatten die Öko-Energien den Rekordanteil von 51,8 Prozent an der Stromproduktion erreicht. Fast 30 Prozent der deutschen Stromerzeugung lieferten damals Windräder an Land und auf See. Auch der in der Corona-Pandemie gesunkene Stromverbrauch hatte den Ökostromanteil steigen lassen.

Kohlekraftwerke füllen die Stromlücke

Gefüllt wurde die Lücke nach Angaben des Bundesamtes vor allem durch eine höhere Stromerzeugung aus Kohlekraftwerken, die politisch umstritten sind. Sie steuerten mit 70,2 Milliarden Kilowattstunden gut ein Drittel (35,5 Prozent) mehr bei als vor Jahresfrist. Kohle machte damit in den ersten sechs Monaten 27,1 Prozent der eingespeisten Strommenge aus, nach 20,8 Prozent ein Jahr zuvor.

Nach Kohle und Windkraft war Erdgas im ersten Halbjahr des laufenden Jahres mit einem Anteil von 14,4 Prozent kurz vor der Kernenergie (12,4 Prozent) der drittwichtigste Energieträger für die Stromproduktion in Deutschland.

Verzicht auf Kohlekraft bis spätestens 2038

Die Verbrennung fossiler Rohstoffe wie Kohle ist wegen des Klimawandels zunehmend umstritten. Laut bisheriger Gesetzeslage soll Deutschland spätestens 2038 ganz auf die Kohlekraft verzichten. Klimaschützer fordern mit Blick auf eine aus ihrer Sicht notwendige stärkere Verringerung des klimaschädlichen Kohlendioxid (CO2) ein früheres Auslaufen.

Die Bundesregierung hat den Weg Deutschlands zu Klimaneutralität bis Mitte des Jahrhunderts im Klimaschutzgesetz verankert. Demnach soll der Ausstoß von Treibhausgasen wie CO2 bis 2030 um 65 Prozent gegenüber 1990 verringert werden, bis 2040 um mindestens 88 Prozent. 2045 soll Europas größte Volkswirtschaft Klimaneutralität erreichen, also nur noch so viele Treibhausgase ausstoßen wie wieder gebunden werden können.

Erstes Halbjahr 2020 mit außergewöhnlich hoher Einspeisung von Ökostrom

Die aktuellen Zahlen zeigen, wie abhängig die Ökostromproduktion von den Witterungsbedingungen ist. "Die Werte der Erneuerbaren sind im Vergleich auch deshalb insgesamt geringer, weil es im ersten Halbjahr 2020 eine außergewöhnlich hohe Einspeisung gab", hatte die Bundesnetzagentur in ihrer Analyse der Stromproduktion im ersten Halbjahr 2021 festgestellt. Der Februar 2020 sei wegen mehrere Sturmtiefs der Monat mit der höchsten Ökostromerzeugung seit mindestens 2015 gewesen. Im Frühjahr 2021 blies der Wind dagegen weniger heftig.

"Die Stromerzeugung aus Wind und Sonnenenergie unterliegt wetterbedingten Schwankungen. Das ist normal", betonte die Chefin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), Kerstin Andreae. Die Zahlen zeigten aber, dass "das Ausbautempo der Erneuerbaren deutlich anziehen" müsse, wenn Deutschland die verschärften Klimaziele für 2030 erreichen wolle. Daneben müsse mehr in die Entwicklung von Stromspeichern investiert werden, «um zukünftig Phasen mit ungünstigen Wetterverhältnissen besser ausgleichen zu können».

Mangel an Strom-Speicherkapazität

An ausreichender Speicherkapazität für Strom fehlt es noch. Bisher übernehmen überwiegend Pumpspeicherkraftwerke diese Aufgabe. Deren Kapazität reicht aber nicht aus, wie Prof. Bruno Burger vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme erläuterte. "Wir müssen die Mittagssonne in den Abend retten und den Windstrom aus der Nacht für den Morgen bereithalten", beschreibt er die Aufgabe der Speicher.

Mittags und nachts werde es bei einem weiteren Ausbau von Solar- und Windenergie zu viel Strom geben, am Morgen und Abend sei die Produktion dagegen geringer als der Verbrauch, erläuterte Burger. Nach Berechnungen der Wissenschaftler ist bis zum Jahr 2030 eine Speicherkapazität von 80 Gigawattstunden erforderlich, ein Vielfaches von dem, was bisher in den Planungen vorgesehen sei.

An Tagen mit niedrigem Stromverbrauch kommt Deutschland schon jetzt manchmal ganz ohne konventionellen Strom aus. Der 31. Juli, ein Samstag, war nach Angaben der Bundesnetzagentur so ein Tag. Zwischen 9.15 Uhr und 16.45 Uhr deckten die erneuerbaren Energien durchgehend den Stromverbrauch. Das sei der längste durchgängige Zeitraum seit mindestens 2015 gewesen. Im August sah es für den Ökostrom schon wieder besser aus. Die Erzeugung mit erneuerbaren Energien lag nach Zahlen der Netzagentur fast 7 Prozent über dem Vorjahreswert.