Jahrhundertaufgabe

Endlager für Atommüll: "Jahrhundertaufgabe" beginnt offiziell

Für die Endlager-Suche fällt am 5. September der Startschuss. Diesmal macht sich eine dafür neugegründete Bundesgesellschaft ans Werk. Wie soll die Suche ablaufen und welche Kriterien gibt es hinsichtlich der Standortwahl?

AtomstromIn der Theorie kommt bei der Suche nach einem Endlager jeder Ort in Frage.© dasglasauge / Fotolia.com

Berlin - Wissenschaftlich, transparent, ergebnisoffen, so soll die Suche nach einem deutschen Endlager ablaufen. Klingt gar nicht so kompliziert - aber einen Ort in Deutschland auszusuchen, wo hoch radioaktiver Abfall mindestens eine Million Jahre lang lagern soll, ist politisch brisant. Eine "Jahrhundertaufgabe" hat Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) die Suche genannt.

An diesem Dienstag leitet die neue Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) das sogenannte Standortauswahlverfahren offiziell ein: Hendricks hält ein Grußwort und Ex-Umweltminister Klaus Töpfer erklärt, wie zwischen Politik und Bürgern vermittelt werden soll.

Wie wird bei der Suche vorgegangen?

Theoretisch kommt jeder Ort in Frage - "weiße Landkarte" heißt das Prinzip. Dann sortieren Experten mit Hilfe schon vorliegender Daten Regionen aus, die nicht in Frage kommen - etwa, weil Erdbebengefahr besteht oder viele Menschen dort wohnen. Im nächsten Schritt werden Gebiete ausgewählt, die bestimmten Mindestanforderungen entsprechen. Anhand weiterer Kriterien wie der Nähe zu Wohngebieten werden dann theoretisch geeignete Standorte bestimmt. Es folgt eine Erkundung über Tage, dann unter Tage. Bis 2031 soll ein Standort gefunden sein.

Welche Orte werden als Endlager in Betracht gezogen?

Die hoch radioaktiven Atomabfälle sollen unterirdisch tief in einem Bergwerk entsorgt werden. Als geologische Formationen kommen Salz, Ton und kristallines Gestein wie Granit in Frage. Solche Gebiete gibt es mehrere in Deutschland.

Bei wem liegt letztendlich die Entscheidungsgewalt?

Der Gesetzgeber - also Bundestag und Bundesrat, anhand von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Die kommunale Planungshoheit wird dafür ausgehebelt. Allerdings sollen Bürger von Anfang an mitreden können und informiert werden. Ein Endlager könnte dann Mitte des Jahrhunderts fertig sein. Viele Experten halten den Zeitplan aber schon jetzt für unrealistisch.

Gilt die Wahl des Standorts dann als unwiderruflich?

Eigentlich schon. Der Müll soll aber 500 Jahre lang "rückholbar" sein, falls es Probleme gibt oder die Wissenschaft ganz neue Erkenntnisse bringt. Hintergrund dieser Entscheidung sind Erfahrungen mit dem ehemaligen Salzbergwerk Asse, wo schwach- und mittelradioaktive Abfälle lagern. Dort drang Grundwasser ein - deswegen sollen die 125.000 Fässer mit Atommüll zurückgeholt werden.

Gibt es auch Kritiker hinsichtlich des Auswahlverfahrens?

Die Mehrheit für das Gesetz im Bundestag war groß, die Linke sagte aber nein. Unter anderem bemängelt die Partei "Schlupflöcher" im Exportverbot für hoch radioaktiven Atommüll. Außerdem sollte der Salzstock Gorleben ihrer Meinung nach nicht mehr im Rennen sein - das sehen auch manche Umweltschützer und Aktivisten vor Ort so. Kritiker halten auch die Regelungen zu Bürgerbeteiligung, Rechtsschutz und Transparenz im Suchverfahren für unzureichend. Greenpeace findet es nicht richtig, dass die unterirdische Lagerung schon festgelegt ist.

Was ist mit dem Standort Gorleben?

Wegen des jahrzehntelangen Streits um den niedersächsischen Salzstock wurde die Endlager-Suche überhaupt erst neu gestartet. Über keinen anderen potenziellen Standort weiß man so viel wie über diesen - daher fürchten Kritiker, dass es am Ende doch wieder auf Gorleben hinausläuft.

Wie sehen die nächsten Schritte bei der Endlager-Suche aus?

Die BGE, eine GmbH im Besitz des Bunds, fragt die geologischen Landesbehörden und auch private Unternehmen nach Daten und erstellt eine Karte mit Regionen, in denen ein Endlager gebaut werden könnte - möglichst innerhalb der kommenden Legislaturperiode, also bis 2021.

Wenn Unternehmen in großer Tiefe etwa nach Wasser, Gas oder Erdwärme bohren wollen, gibt es nun unter Umständen ein Extra-Prüfverfahren. Denn sie könnten mögliche Standorte für ein Endlager untauglich machen. Das Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE) veröffentlicht die Prüfergebnisse auf seiner Homepage.

Quelle: DPA