Vehicle to Grid

Zukunftsmodell: Strom in Elektroautos zwischenparken

Durch die verstärkte Nutzung der Windenergie wird manchmal mehr Strom produziert als gebraucht wird. Diese überschüssige Energie könnte zum Beispiel in Elektroautos zwischengespeichert werden: Nachts würden die Autos aufgetankt, tagsüber könnten sie überschüssigen Strom wieder ins Netz abgeben.

Netzausbau© Günter Menzl / Fotolia.com

Brüssel (afp/red) - Für deutsche Verbraucher steigt der Strompreis seit Jahren, doch im Börsenhandel ist die Energie manchmal nicht nur billig - Großabnehmer bekommen in Ausnahmefällen sogar noch Geld für den Verbrauch oder Weiterverkauf. Das geschieht, wenn die Kapazitäten der Leitungsnetze nicht ausreichen, weil gerade zu viel Strom produziert wird. Andererseits müssen zu Spitzenzeiten oft reihenweise Kraftwerke angeworfen werden, um den Verbrauch zu decken. Für beides einen Ausgleich schaffen könnten in Zukunft Autofahrer, die in ihren Elektrowagen Strom zwischenparken. Mit dem Modell "Vehicle to Grid" (V2G), zu deutsch "Fahrzeug zum Netz", könnten sie sogar noch Geld verdienen.

"Nicht zuletzt durch die verstärkte Nutzung der Windenergie kommt es vor, dass bei hohem Windaufkommen zum Beispiel an Wochenenden oder Feiertagen das Stromangebot weit größer ist als die aktuelle Nachfrage", erläutert Katrin Berken von der Leipziger Energiebörse EEX. Dann könne es für einen Erzeuger "günstiger sein, für die Abnahme seiner Strommengen zu bezahlen", als Kraftwerke für einige Stunden abzuschalten und dann wieder hochzufahren.

Der Energieriese RWE kennt das Problem - und rechnet damit, dass es sich mit dem erwarteten Ausbau der Windkraft noch vergrößert. "Wir brauchen Zwischenspeicher", sagt deshalb Konzernsprecher Harald Fletcher. Zwar gibt es bereits sogenannte Pumpspeicherkraftwerke. Dort wird bei viel verfügbarem Strom Wasser aufwärts gepumpt, das später bei Bedarf eine Turbine antreibt. Doch die Werke sind aufwändig und brauchen bergiges Terrain.

Daher sei V2G eine interessante Option, meint Fletcher. Elektroautos oder auch Hybridwagen könnten als mobile Speicher dienen. Nachts würden ihre Batterien in der Garage dann aufgetankt, tagsüber würden sie etwa am Arbeitsplatz bei Spitzenverbrauch Strom wieder zurück ins Netz speisen. Dazu bedürfe es "intelligenter Autos" und "intelligenter Ladepunkte", die die Stromflüsse zu den optimalen Zeiten regeln.

In Deutschland ist V2G in der Erkundungsphase. Eine Herausforderung liegt in der Batterietechnik: Die Akkus gelten als Achillesferse von Elektroautos, weil sie die Reichweiten bisher stark begrenzen. Für V2G kommt hinzu, dass die Lebenszeit des Energiespeichers noch stark von der Zahl der Be- und Entladungen abhängt. Der europäische Verband "Verkehr & Umwelt" urteilt deshalb in einem Bericht vom November 2009: "Es gibt eine Menge Skepsis, ob Batterien diese Speicherfunktion in einer nützlichen Weise erfüllen könnten."

Jochen Linssen vom Forschungszentrum Jülich hält unter anderem die psychologische Komponente bei den Nutzern für wichtig. "Sie müssen als Autofahrer bereit sein, ihre gewohnte Fahrzeugnutzung ein Stück weit zu ändern", zum Beispiel Einbußen bei der Reichweite in Kauf zu nehmen, weil die Batterie kurz vor Fahrtbeginn Strom ins Netz befördern musste. Linssen koordiniert ein vom Bundeswirtschaftsministerium gefördertes Projekt zu V2G. Dabei wird unter anderem untersucht, wie viele Elektroautos in Deutschland am Netz sein müssten, damit ein solches System verlässlich funktionieren kann.

Entscheidend bei der Energie aus den Autos sei ihre schnelle Verfügbarkeit, erläutert Linssen. So könnten sie zum Beispiel die Leistung von Gasturbinen ergänzen, die wie Pumpspeicherkraftwerke Spitzen im Stromverbauch abdecken. Ein anhaltender Energiemangel wäre für sie aber kein Einsatzfeld: "Es wird nicht so sein, dass man über mehrere Tage eine Windflaute überbrücken kann", sagt Linssen. Dafür speicherten die Autos zu wenig Energie.

Trotz einiger Pilotprojekte steckt V2G in Europa aber noch in den Kinderschuhen. Und abgesehen von der notwendigen Technik ist es auch eine Frage des Preises, ob den Verbrauchern schmackhaft gemacht werden kann, in ihrem Wagen Strom zu parken. "Dazu gehören auch Tarife, die interessant für die Autofahrer sind", sagt RWE-Sprecher Fletcher.