Desaster

Zehnmal mehr mittelradioaktiver Atommüll in der Asse

Die Negativnachrichten reißen nicht ab: In das einsturzgefährdete Atommülllager Asse ist zehnmal mehr mittelradioaktiver Müll eingelagert worden als bislang angenommen. Das offenbarte ein neuer Bericht des alten Betreibers über das radioaktive Inventar. Zudem seien unterschiedlich stark kontaminierte Behälter zusammen gelagert worden.

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Hannover (dapd/red) - In dem ehemaligen Salzbergwerk bei Wolfenbüttel seien auch zahlreiche Atommüllfässer mit einer zusätzlichen Betonabschirmung deponiert worden, sagte die Sprecherin des Umweltministeriums in Hannover, Jutta Kremer-Heye, am Freitag. Diese Fässer hätten bei der Einlagerung zwar nur wenig Strahlung nach außen abgegeben und die Annahmebedingungen für schwach radioaktiven Müll erfüllt. "Wir müssen jedoch davon ausgehen, dass sie im Innern mittelradioaktiven Müll enthielten", sagte die Sprecherin.

Ein neuer Bericht des Helmholtz Zentrums zum radioaktiven Inventar in der Asse beziffert die Zahl der Atommüllfässer mit einer zusätzlichen "verlorenen Betonabschirmung" auf genau 14.779 Stück. Im ersten Genehmigungsantrag für die Einlagerung dieser Art Behälter seien ausdrücklich "600 Fass mittelradioaktive Abfallstoffe" genannt worden, heißt es in dem dapd vorliegenden Bericht. Definitionsgemäß seien dann alle Behälter mit verlorener Betonabschirmung "für mittelradioaktive Stoffe bestimmt" gewesen.

Das Bundesamt für Strahlenschutz als Betreiber und das für die Aufsicht zuständige Land Niedersachsen gingen bislang davon aus, dass in dem Bergwerk lediglich insgesamt 1.293 Fässer mit mittelradioaktiven Abfällen deponiert wurden. Den neuen Bericht erarbeitete eine in Jülich ansässige Arbeitsgruppe des Helmholtz Zentrums München mithilfe alter Akten. Das Helmholtz Zentrum war bis Ende 2008 Betreiber der Asse.

Billige Wegwerfbehälter entwickelt

Nach dem Inventarbericht ist bei einem Teil der zusätzlich abgeschirmten Atommüllfässer die Strahlung schon soweit abgeklungen, dass ihr Inhalt heute wieder als schwachaktiv gelten kann. Aufgrund des Abklingverhaltens seien von den ehemals 14.779 Fässern, die in den 70er Jahren deponiert wurden, heute noch 8.465 Fässer in die Kategorie mittelaktiv einzustufen, heißt es in dem 67-seitigen Papier.

Der Inventarbericht geht davon aus, dass die zusätzlichen Betonabschirmungen die Transportkosten bei mittelradioaktiven Mülll senken sollte. "Um für den Transport eine wirtschaftliche Lösung zu finden, entwickelte man einen 'billigen Wegwerfbehälter'", stellt der Bericht fest. Die verlorenen Betonabschirmungen für Transport und Einlagerung von mittelradioaktiven Abfall hätten eine Dicke von 20,3 Zentimeter gehabt.

Mittelaktiver zwischen schwachaktivem Müll

Nach Angaben von Ministeriumssprecherin Kremer-Heye liegen die zusätzlichen Fässer mit mittelradioaktiven Müll im Bergwerk zwischen Fässern mit schwach radioaktiven Müll. "Die geplante Rückholung des Müll aus der Asse wird dadurch nicht einfacher", sagte sie. Dagegen sagte der Fraktionschef der Grünen im niedersächsischen Landtag, Stefan Wenzel, man habe schon immer weiteren mittelaktiven Atommüll in der Asse vermutet. Auf Grundlage des neuen Inventarberichts könne man bei der geplanten Bergung des Atommülls aus dem Bergwerk nun "gezielter und genauer vorgehen".

Die Gesamtmenge des in der Asse eingelagerten Plutoniums gibt der neue Bericht mit 28,1 Kilo an. Aus den ausgewerteten Unterlagen sei zudem ersichtlich, dass Lieferer von Atommüll gegen die Annahmevorschriften verstoßen und zum Teil auch flüssigen Abfall zur Asse gebracht hätten, heißt es in dem Papier. Insgesamt wurden in der Asse in den Jahren 1968 bis 1978 rund 126.000 Atommüllfässer deponiert. Das Bundesamt für Strahlenschutz plant, den gesamten Atommüll wieder aus dem Bergwerk herauszuholen. Dies soll mehrere Milliarden Euro kosten.