On- versus Offshore

Windräder sollen Atommeiler ersetzen - nur wo?

Derzeit stammt etwa sechs Prozent des Stroms in Deutschland aus Windkraft, doch aufgrund des Atomausstiegs müssen 23 Prozent des Stroms ersetzt werden. Deshalb will die Bundesregierung die Offshore-Windkraft mit fünf Milliarden Euro fördern, was nicht überall auf Zustimmung stößt.

Stromnetz Ausbau© Gina Sanders / Fotolia.com

Berlin (dapd/red) - Im Jahr 2022 soll das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet werden. Das sieht der Plan der Bundesregierung zum Atomausstieg vor, über den der Bundestag am Donnerstag entscheidet.

Windkraft an Land oder auf dem Wasser?

23 Prozent des Stroms liefern die Atommeiler derzeit - 23 Prozent, die ersetzt werden wollen. Zum Beispiel durch Windkraft, die "perspektivisch die wichtigste Säule der Stromversorgung" bilden soll, wie es die Bundesregierung im Erfahrungsbericht zum Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) formuliert. Ob sich die Windräder künftig verstärkt an Land oder auf dem Meer drehen sollen, ist allerdings umstritten.

2010 produzierten Windkraftanlagen mit einer installierten Leistung von mehr als 27 Gigawatt rund 36,5 Milliarden Kilowattstunden - und deckten damit rund sechs Prozent des Strombedarfs in Deutschland. Rein rechnerisch hätten damit nach Angaben des Umweltministeriums 10 Millionen Durchschnittshaushalte mit Windstrom versorgt werden können. Zum Vergleich: 1992 betrug die installierte Leistung gerade einmal 183 Megawatt. Und die Branche soll weiter wachsen.

Naturschützer gegen "Verspargelung" durch Windkraft

Zuletzt aber ist der Bau neuer Anlagen ins Stocken geraten. Die Bundesregierung führt dies im Erfahrungsbericht zum EEG teils auf den langen und harten Winter 2010 zurück, teils darauf, dass geeignete Flächen nicht schnell genug ausgewiesen werden konnten.

Außerdem wehren sich Naturschützer und Anwohner vehement gegen den Ausbau der Windkraft an Land. Von Schleswig-Holstein bis Bayern haben sich Bürgerinitiativen gegründet. Sie fürchten die Zerstörung der Natur und wehren sich gegen eine "Verspargelung" der Landschaft. Rund 140 Meter beträgt die Nabenhöhe eines Windrads - die Rotorblätter also nicht mitgerechnet. Die Anwohner befürchten Elektrosmog oder fühlen sich vom ewigen Flapp-Flapp und dem Schattenwurf der Windräder genervt.

Die Bundesregierung setzt für die nächsten Jahre daher verstärkt auf Windkraft auf hoher See. Die Hoffnung: Windparks weit draußen in der Nordsee stören keinen, und sie können auch größere Mengen Strom liefern. Mit fünf Milliarden Euro will die Regierung das Förderprogramm "Offshore Windenergie" der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ausstatten und so den Bau der ersten zehn Offshore-Windenergieparks anschieben. Von 26 genehmigten Windparks sind derzeit nämlich erst drei in Betrieb - zwei in der Nord- und einer in der Ostsee.

65 Prozent des Stroms aus Windkraft?

Im Gegenzug soll die Förderung der Windkraft an Land zurückgefahren werden, wenn auch nicht so stark wie von der Regierung zunächst geplant. Der Bundesverband Windenergie (BWE) warnte zuletzt vor einer falschen Prioritätensetzung. "Wir müssen aufpassen, dass wir hier nicht zu einer Fehlplanung kommen, indem die Annahmen Offshore zu hoch gesetzt werden und die Ziele Onshore reduziert werden", mahnte BWE-Präsident Hermann Albers. Anders als die Bundesregierung geht er davon aus, dass bis 2020 nicht 10 Gigawatt Leistung auf dem Meer installiert sein werden, sondern lediglich 7.

Potenzial sieht die Branche vielmehr bei der Windkraft an Land. Montage und Wartung seien an Land unkomplizierter und vor allem günstiger, der Transport des Stroms deutlich einfacher zu bewerkstelligen, so die Argumente des BWE.

Gestützt auf eine Studie des Fraunhofer Instituts für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) geht der Verband davon aus, dass grundsätzlich auf acht Prozent der Fläche Deutschlands Windkraftanlagen möglich wären. Naturschutz- und Waldgebiete sind ausdrücklich ausgenommen. Perspektivisch geht der BWE von einer Nutzung von zwei Prozent der Fläche aus. Damit könnten rund 200 Gigawatt Leistung erzielt werden, womit wiederum bis zu 65 Prozent des deutschen Strombedarfs gedeckt werden könnten, so die Annahme.

Industrie und Naturschützer proben Schulterschluss

Bis es soweit ist, wird allerdings noch viel Überzeugungskraft notwendig sein. Am Donnerstag vergangener Woche probten der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und der BWE öffentlich den Schulterschluss. Ihre Botschaft: "Windkraft und auch Windkraft an Land und Naturschutz sind kein Widerspruch". Künftig wollen beide Verbände eng zusammen arbeiten. Das schließe künftige Konflikte zwar nicht aus, reduziere diese aber zumindest, konstatierte der Chef des BUND, Hubert Weiger.