Bergbau-Folgelandschaft

Wenn sich auf Bergbau-Halden Windräder drehen

Wo früher Kohle abgebaut wurde, drehen sich immer öfter Windräder: Eine Machbarkeitsstudie soll bis Ende des Jahres klären, ob auch der Energiepark Halde Sundern als Pilotprojekt in die konkrete Planung geht. Dort will man ein Pumpspeicherkraftwerk mit einem Windpark kombinieren.

Stromtarife© Andre Bonn / Fotolia.com

Hamm (dapd/red) - Auf manchen wird Theater gespielt, auf anderen steht Kunst, viele dienen als Naherholungsgebiet: Die weit über 100 Halden des Ruhrgebiets werden heute vielfältig genutzt. Schon bald könnten die Relikte der Kohlezeit eine weitere Funktion erhalten. Sie könnten zu wichtigen Standorten der Wende hin zu den regenerativen Energien werden. Michael Obst von der RAG Montan Immobilien und Jens Schramm von der RWE Innogy sind davon überzeugt, dass es so kommen wird.

Kein Wunder, denn die beiden Ingenieure leiten ein gemeinsames Projekt ihrer Unternehmen. Der Name: "Energiepark Halde Sundern". Mitte September wurde es den Bürgern vorgestellt, die sich zahlreich auf das Gipfelplateau der zwischen Hamm-Pelkum und Hamm-Herringen liegenden, rund 50 Meter hohen Erhebung begaben.

Machbarkeitsstudie soll technische Voraussetzungen klären

"Bisher sind die Halden begrünt und landschaftlich gestaltet worden. Jetzt geht es um die wirtschaftliche Nutzung der Bergbaufolgelandschaft", sagt Michael Obst. Und zwar durch die Kombination eines Pumpspeicherkraftwerkes mit einer Windkraftanlage.

Noch befindet sich das Projekt im Vorplanungsstadium. Zunächst soll eine Machbarkeitsstudie klären, ob die technischen und infrastrukturellen Voraussetzungen gegeben sind. Ob zum Beispiel die Halde Sundern, auf der bis 2010 rund 9,1 Millionen Kubikmeter Bergematerial vom mittlerweile stillgelegten Bergwerk Ost aufgeschüttet wurden, für die erforderlichen Anlagen standfest genug ist.

Schwankungen der Windkraft ausgleichen

Die Vorstellungen sind gleichwohl schon recht konkret. Das Prinzip sei dabei ebenso schlicht wie einleuchtend, sagt Jens Schramm: "Wenn die Propeller der Windkraftanlage mehr Strom produzieren, als gebraucht wird, wird mit der überschüssigen Energie Wasser aus einem Becken am Fuß der Halde in ein Becken auf dem Haldenplateau gepumpt. Wenn mehr Strom gebraucht wird, als die Windräder produzieren, treibt nach unten strömendes Wasser eine Turbine an und erzeugt zusätzlich Elektrizität." So könnten die naturgegebenen Schwankungen der Windkraft ausgeglichen werden.

600.000 Kubikmeter soll das Speicherseevolumen umfassen, die Leistung bei einem hervorragenden Wirkungsgrad von 80 Prozent 10 bis 15 Megawatt betragen. Das reicht, um bis zu 8.000 Haushalte sechs Stunden täglich mit Strom zu versorgen - ohne lange Überlandleitungen, mit ganz kurzen Wegen zum Verbraucher.

Für die beiden beteiligten Unternehmen wäre das "regenerative Kombikraftwerk" ein Beitrag zur Energiewende und zum Klimaschutz. Ob es sich auch wirtschaftlich rechnet, soll die Machbarkeitsstudie, an der der Energiewirtschaftliche Lehrstuhl der Universität Duisburg/Essen maßgeblich beteiligt ist, ebenfalls herausfinden.

Anwohner befürchten Überschwemmungen

Trotz allem hält sich die Begeisterung der Anwohner in Grenzen. Unter den Besuchern der erstmals für das Publikum geöffneten Halde kursieren Befürchtungen, es könnte irgendwann mal das Wasser des Pumpkraftwerks an ihrem Wohnzimmerfenster stehen. Jens Schramm hält solche Szenarien für ausgeschlossen, schließlich gehe es um eine seit 100 Jahren erprobte Technologie. Außerdem seien die Anforderungen sehr hoch, die für eine Genehmigung der Anlage erfüllt sein müssen. "Da passiert nichts", ist er sich sicher.

Erika Nettelmann, die seit 50 Jahren in Herringen wohnt, denkt auch eher an Belästigungen durch die Geräusche und den Schattenwurf der Windräder als an Überschwemmung. "Aber ich kann mich nicht nur wehren, irgendwo muss der Strom ja herkommen", sagt die 62-Jährige.

Bis Ende des Jahres soll die Machbarkeitsstudie vorliegen und ausgewertet sein. Dann wird sich entscheiden, ob der "Energiepark Halde Sundern" als Pilotprojekt in die konkrete Planung geht. Sollte er sich dann in der Praxis bewähren, könnte es weitere Kombikraftwerke auf den Halden der Region geben, und das Revier bliebe weit über die Kohlezeit hinaus eines der Energiezentren der Republik.