Ernstfall als Illusion

Weltgrößte Simulatorenanlage der Kernenergie-Wirtschaft in Essen

Alle Schaltzentralen aller 17 deutschen Kernkraftwerke unter einem Dach: In einem großen Flachbau in Essen unterhält die Kraftwerks-Simulator-Gesellschaft (KSG) 13 exakte, funktionsfähige Kopien aller Leitstellentypen der hiesigen Atomkraftwerke. Die Anlage sei die weltweit größte dieser Art.

Stromtarife© Andre Bonn / Fotolia.com

Essen (ddp-nrw/sm) - Hier wird das technische Personal der Meiler sowohl in der Ausbildung mit der Kraftwerkssteuerung vertraut gemacht als auch in regelmäßigen Abständen für Krisensituationen trainiert. Auch langgediente Schichtleiter und Reaktorfahrer müssen mindestens zwei Wochen pro Jahr in die Simulatoren. Dort werden computergestützt alle denkbaren Situationen eines Kraftwerksbetriebs durchgespielt - die Standards ebenso wie Störfälle, auf die die Kursteilnehmer dann reagieren müssen und in ihrem Verhalten entsprechend bewertet werden. "Das Personal muss bei Störungen aus einer zunächst unbekannten Situation heraus eine Analyse treffen. Wir trainieren hier Entscheidungen, die in kurzer Zeit getroffen werden müssen", so Hoffmann.

Durchschnittlich 200.000 Messpunkte gibt es in einem Atommeiler, die mit der Kernkraftwerkswarte, so der Fachausdruck, verbunden sind. Allein die so genannte Reaktorschutztafel, die das Geschehen im Herzstück des Meilers dokumentiert, wirkt auf den ersten Blick wie ein undurchschaubares Netzwerk von Schaltern, Bildschirmen und kleinen Lampen. Alle eingehenden Informationen müssen von den Mitarbeitern geprüft und bewertet werden - wozu es noch ein rund 70 Aktenordner umfassendes Betriebshandbuch gibt.

Das Ganze sei "eine komplexe und sehr verantwortungsvolle Aufgabe", die eben auch nicht immer fehlerfrei abläuft, wie der jüngste Zwischenfall im AKW Krümmel gezeigt hat, so Hoffmann.. "Natürlich wird es den fehlerfreien Mitarbeiter niemals geben", räumt er ein. Doch in der von Krümmel ausgelösten öffentlichen Debatte um die Kernkraft sei das nach seiner Ansicht Entscheidende zu kurz gekommen - dass es in allen Reaktoren wirksame Schutzmechanismen bei Störfällen oder Bedienungsfehlern gebe: "Auch in Krümmel hat die automatische Abschaltung hundertprozentig funktioniert", so Hoffmann.

Doch auch er muss einräumen, dass das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Kernkraft durch den Krümmel-Zwischenfall "sehr gelitten" hat, obwohl die Störung "aus technischer Sicht gar kein Problem" gewesen sei. Der technische Pannenverlauf von Krümmel fließt nun als Schulungsthema in die Simulatoren ein - damit künftige Kursteilnehmer aus den Fehlern lernen. Bei der Beseitigung ihres Imageverlustes muss die Branche aber wohl ohne Hilfsmittel auskommen.