Geteilte Meinungen

Weiter Wirbel um Krebs-Studie: Grüne fordern rasches Abschalten

Nach der Vorlage einer neuen Studie über gehäufte Krebserkrankungen bei Kindern, die in AKW-Nähe wohnen, ist der Streit um die Konsequenzen entbrannt. Während die Grünen als ersten Schritt die schnellstmögliche Abschaltung alter Meiler forderten, lehnt etwa Bayern dies klar ab.

Stromzähler© Gina Sanders / Fotolia.com

Berlin (ddp/sm) - Nach der Untersuchung des Mainzer Kinderkrebsregisters im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) wächst das Risiko einer Krebserkrankung für Kinder unter fünf Jahren, je näher ihr Wohnort an einem Atomkraftwerk liegt. Der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), Wolfram König, sprach sich für zusätzliche Auswertungen aus.

Grüne: Endlich Konsequenzen ziehen

Grünen-Chefin Claudia Roth forderte, aus solch alarmierenden Studien müssten "endlich die Konsequenzen gezogen werden". Neben der Abschaltung alter Atommeiler müsse es darum gehen, endgültig aus der Kernkraft auszusteigen, da die Krebsgefahren mittlerweile mehrfach belegt seien. Die Grünen-Bundestagsfraktion beantragte für diese Woche eine Debatte im Parlament über die Studie.

Die Grünen im niedersächsischen Landtag fordern, die Betriebserlaubnis von AKWs zu überprüfen. Es müsse geklärt werden, ob man den Betreibern auf der Grundlage der Studie die Betriebserlaubnis entziehen oder aussetzen könne. "Die Bedrohung der Gesundheit oder gar des Lebens von Kindern ist durch die Betriebserlaubnis von AKWs nicht gedeckt", sagte Grünen-Fraktionschef Stefan Wenzel. Er bezeichnete die Studie als "Tiefschlag für alle, die jahrzehntelang die Atomkraft verharmlost haben." Laut Christine Kamm, Grünen-Abgeordnete in Bayern, muss den Atomkraftwerken, in deren Umgebung mehr Krebserkrankungen verzeichnet wurden, der Weiterbetrieb bis zur Klärung der Ursachen untersagt werden.

Grünen-Umweltexpertin Ruth Paulig nennt die Forschungsergebnisse "erschreckend", sie "zeigen deutlich, dass wir so schnell wie möglich Alternativen zur Atomkraft brauchen." Sie fügte hinzu: "Die Propaganda von AKW-Betreibern und CSU von der vermeintlichen Unbedenklichkeit der Atomenergie ist damit nachdrücklich erschüttert."

Auch SPD-Politiker fordert AKW-Abschaltung

Der SPD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Niedersachsen, Wolfgang Jüttner, fordert die möglichst schnelle Abschaltung aller deutschen Atomkraftwerke. Der vereinbarte schrittweise Atomausstieg"mit langen Restlaufzeiten" basierte auf der Voraussetzung, "dass vom laufenden Betrieb der Atommeiler keine Gefahr ausgeht. Betrachtet man das jetzt festgestellte Krebsrisiko, war diese Grundannahme offenbar falsch", sagte Jüttner.

Schleswig-Holsteins Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) rief AKW-Betreiber auf, sich "ganz intensiv mit dieser Studie auseinanderzusetzen". Die Landesregierung habe selbst rund ein Dutzend Gutachten in Auftrag gegeben, um einen möglichen Zusammenhang zwischen Leukämieerkrankungen bei Kindern und der Atomkraft zu prüfen. Ergebnisse lägen noch nicht vor.

Studie sage nichts über die Ursachen aus

Bayerns Gesundheitsstaatssekretär Marcel Huber (CSU) versicherte, Bayern nehme alle Studien zu Krebs bei Kindern sehr ernst. Das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit sei bereits beauftragt, die Studie zu analysieren und zu bewerten. "Nach derzeitigem wissenschaftlichen Kenntnisstand kann die beobachtete Zahl der Erkrankungen nicht durch die Strahlenexposition aus einem Kernkraftwerk erklärt werden", so Huber. Ein "plausibler" Zusammenhang sei derzeit nicht erkennbar. Auch Wirtschaftsministerin Emilia Müller (CSU) mahnte, zunächst den Ursachen für die statistisch erhöhte Erkrankungshäufigkeit nachzugehen. Noch sei unklar, wie das Ergebnis der Studie zu bewerten sei.

Ein Sprecher des baden-württembergischen Umweltministeriums sagte, die Studie sei "null aussagekräftig in Bezug auf mögliche Ursachen". Der Ministeriumssprecher verwies auch darauf, dass beim bereits existierenden landesweiten Messnetz um Kraftwerksstandorte herum bislang "keine Unregelmäßigkeiten" festgestellt worden seien. Dennoch seien die in der Studie geäußerten Bedenken ernstzunehmen und weitere Untersuchungen anzustellen.

Auch eine Sprecherin des niedersächsischen Umweltministeriums verwies darauf, dass die Studie nichts über die Ursachen aussage. Ihr Haus teile die Einschätzung von Bundesumweltminister Gabriel, dass der beobachtete Anstieg der Zahl der Erkrankungen nicht durch die Strahlenbelastung aus einem Atomkraftwerk erklärt werden könne.

Physik-Professorin: Krebsrisiko kommt durch Atomkraftwerk

Dem widersprach die emeritierte Bremer Physik-Professorin Inge Schmitz-Feuerhake. Die Studie sei eine statistische Erhebung "unter Ausschluss anderer Risikofaktoren", erläuterte die Atom-Physikerin. Als Ursache für das erhöhte Krebsrisiko komme daher "nichts anderes in Frage als die Wohnortnähe zum Atomkraftwerk", sagte sie. Konsequenz müsse daher sein, alle Atomkraftwerke abzuschalten.

Auch die Umweltschutzorganisation Robin Wood forderte politische Konsequenzen aus der Studie. "Jetzt nur weitere Studien anzukündigen, wie Bundesumweltminister Gabriel das getan hat, ist verantwortungslos", sagte ein Robin-Wood-Sprecher in Hamburg.

AKW-Betreiber EnBW bleibt zurückhaltend

Ein Sprecher des Energiekonzerns EnBW verwies lediglich auf die Stellungnahme des Deutschen Atomforums, wonach die Studie keine neuen Erkenntnisse zur Verursachung von Krebserkrankungen bei Kindern erbracht habe. Ähnliche Studien mit vergleichbaren Modellansätzen zeigten Häufungen von kindlichen Leukämiefällen beispielsweise auch an Standorten ohne kerntechnische Anlagen, betonte das Atomforum.

Wissenschaftlerin verärgert über BfS

Die leitende Wissenschaftlerin der Studie, Maria Blettner, hat unterdessen das BfS kritisiert. Die Arbeit an der Studie sei "schwierig" gewesen, weil das vom BfS begleitend eingesetzte Expertengremium "im Wesentlichen von Atomkraftgegnern besetzt" war, sagte die Epidemiologin der Universität Mainz dem Berliner "Tagesspiegel". Es habe "ziemlich viel Ärger auf der politischen Ebene" gegeben. So sei die Studie der Presse am Montag vom Leiter des BfS, Wolfram König, präsentiert worden, ohne dass sie zuvor von dieser Pressekonferenz informiert worden sei.