Böses Erwachen

Warum die Stromkonzerne mit Stellenabbau reagieren

Tausende von Jobs sind bei den großen Energiekonzernen in Gefahr - und die schieben die Schuld der Bundesregierung zu. Doch unabhängig von der politischen Entscheidungsebene hätten sich die großen Versorger ihre missliche derzeitige Lage teilweise selbst zuzuschreiben, sagen Experten.

Strompreise© Gina Sanders / Fotolia.com

Essen/Stuttgart (dapd/red) - "Gegen negative Veränderungen von Märkten, vor allem aber des politischen und regulatorischen Umfeldes, sind wir nicht gefeit", sagt der Vorstandsvorsitzende von E.on, Johannes Teyssen, zur Begründung, warum der Marktführer bis zu 11.000 Stellen streichen will.

Auch die EnBW aus Karlsruhe hat Einsparungen beim Personal in dreistelliger Millionenhöhe angekündigt. Das muss nach Angaben eines Sprechers aber nicht zwangsläufig Entlassungen bedeuten. "Politische Entscheidungen belasten RWE", verkündet auch der Konkurrent aus Essen, von Jobkürzungen ist dort allerdings keine Rede - bisher.

Die Atomkatastrophe im japanischen Fukushima hat zu einem Umdenken in der Politik geführt. Atomkraft pfui, erneuerbare Energien hui - das gilt seitdem auch in der schwarz-gelben Regierung. Gewinneinbrüche oder gar rote Zahlen bei den großen Vier - E.on, RWE, EnBW und Vattenfall - waren im ersten Halbjahr 2011 die Folge. "Die Politik fährt einen Zickzack-Kurs. Das kann gut kalkulierte Kraftwerksinvestitionen über Nacht völlig entwerten und zu Verlustbringern machen", kritisiert der Deutsche Bank-Analyst Josef Auer den von der Bundesregierung beschlossenen Atomausstieg bis 2022, nachdem die Laufzeiten erst im Herbst 2010 verlängert worden waren.

Die Konzerne haben die Energiewende verschlafen

Doch die großen Versorger, die 80 Prozent des deutschen Strommarktes beherrschen, sind zu lange auf Sicht gefahren. So bemängelte die Umweltorganisation Greenpeace im April, dass die Stromriesen die ja schon im Jahr 2000 von Rot-Grün eingeleitete Energiewende schlicht verschlafen hätten. Nur 0,5 Prozent des in Deutschland verfügbaren Stroms aus Wind und Sonnenkraft seien 2009 von den Großkonzernen geliefert worden. Auch die Ökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sagt, die Konzerne hätten "viel zu spät in die nachhaltige Energiewende investiert".

Und die ist teuer. Auer sagt, dass die großen Energieversorger noch gebraucht werden, weil nur sie die nötige Finanzkraft haben. Allerdings fehlen ihnen die Gewinne und damit die Mittel. Das soll jetzt offenbar auch im Personalbereich ausgeglichen werden.

E.on will zwar vor allem in der Verwaltung abbauen - mit der Energiewende hat das nicht direkt zu tun. Allerdings hatte der Konzern mit den Gewinnen aus den Atomkraftwerken kalkuliert, jetzt belasten die Abschreibungen auf die nicht mehr benötigten Brennelemente sowie die von heute auf morgen weggefallenen Gewinne aus der Atomkraft der bereits stillgelegten Kraftwerke die Bilanz.

Konkurrenzlose Zeit hat zu Ineffizienz geführt

Somit sind E.on und die anderen großen Konzerne dazu gezwungen, genauer nach Einsparpotenzialen in anderen Bereichen zu gucken. Laut Auer sind die großen Stromkonzerne durch die jahrelange Situation ohne ernsthafte Konkurrenz ineffizient geworden. Durch die Liberalisierung des Strommarktes sei der Druck stärker geworden. Ein Personalabbau mag da naheliegen. Allerdings gibt es auch andere Einsparpotenziale. Die Konzerne haben im In- und Ausland viel hinzugekauft. Jetzt könnten sie diese Bereiche wieder verkaufen, um sich so frisches Kapital für Investitionen zu sichern.

Insgesamt dürfte der Atomausstieg hierzulande allerdings mehr Jobs schaffen als jetzt abgebaut werden, erwartet Auer. Um etwa die großen Windanlagen vor den Küsten zu installieren und zu warten, braucht es Spezialisten.

DIW-Ökonomin Kemfert erwartet im Bereich der Erneuerbaren einen Anstieg der Beschäftigung von derzeit 340.000 auf 600.000 Arbeitsplätze. Bei der Kernenergie gebe es 35.000 Jobs, die aber nicht alle bedroht seien. So liefen zum einen manche Kernkraftwerke noch bis 2022 und zum anderen dauere der Rückbau bis zu 15 Jahre. Für die vom Jobabbau Betroffenen ist das allerdings kein Trost.