Hintergrund

Warum die Bahn ein eigenes Stromnetz hat

Derzeit wird geprüft, ob die Bahn als Stromtransporteur für die Energiewende in Frage kommt, etwa zum Transport von Windkraft in den Süden. Doch warum hat die Bahn überhaupt ein eigenes Netz, und worin liegen die Unterschiede zu den anderen Hochspannungsnetzen?

Stromtarife© Andre Bonn / Fotolia.com

Hamburg (afp/red) - Die Energiewende ist auch eine Frage der Stromleitungen. Soll Deutschland seinen Strombedarf möglichst vollständig aus regenerativen Quellen decken, muss das bestehende Versorgungsnetz erweitert werden. Bislang fehlen die Leitungstrassen, um große Strommengen von den geplanten Windparks an den Küsten im Norden zu den Verbrauchszentren im Süden und Westen bringen.

Um die Kosten und Widerstände beim Ausbau gering zu halten, wird auch überlegt, das bestehende Stromnetz der Deutschen Bahn zu nutzen. Bundesnetzagentur, Verkehrsministerium, Eisenbahnbundesamt, Netzbetreiber und Bahn prüfen zurzeit gemeinsam, ob das technisch, wirtschaftlich und rechtlich machbar wäre. Noch ist nicht klar, ob das funktionieren würde.

Im Mittelpunkt der Überlegungen steht das 110.000-Volt-Hochspannungsnetz der Bahntochter DB Energie. Es ist rund 7750 Kilometer lang und verteilt Strom aus konzerneigenen Kraftwerken sowie Umspannstationen auf die Oberleitungen und Stromabnehmerschienen an den 19.000 Kilometern elektrifizierter Bahnstrecke in Deutschland. Eventuell könnte es sich auch zum Transport zusätzlicher Energie eignen. Zudem wird nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums auch überlegt, ob das Streckennetz selbst für neue Leitungen mitbenutzt werden könnte - etwa indem die Oberleitungsmasten um eine "Etage" aufgestockt werden.

Warum die Bahn überhaupt ein eigenes Netz hat

Dass die Bahn ein eigenes Hochspannungsnetz betreibt, hat historische und technische Ursachen. Bahnstrom hat seit jeher eine andere Frequenz als der im öffentlichen Netz, weshalb die Systeme bis heute nicht ohne weiteres verbunden werden können. Zudem sind die im laufenden Bahnbetrieb benötigten Strommengen derart gewaltig und schwankungsanfällig, dass die Bahn die Versorgung ihrer etwa 25.000 elektrisch betriebenen Züge pro Tag nur mit einem eigenen, speziell steuerbaren Energieversorgungsnetz sicherstellen kann.

Unklar ist bislang allerdings, ob sich dieses Netz wirtschaftlich sinnvoll für den Langstreckentransport großer zusätzlicher Strommengen eignet. Denn es ist ein Verteilernetz - darauf ausgelegt, regionale Schwankungen aufzufangen. Zum großräumigen Ausgleich über weite Entfernungen dient es bislang jedenfalls nicht, betont das Bundesverkehrsministerium.

Auch das Problem der Spannungs- und Frequenzunterschiede zwischen dem öffentlichen Netz und dem der Bahn müsste gelöst werden. Entweder wird der Strom zweifach durch Umspannwerke geschickt oder es werden separate neue Langstreckenleitungen an die Bahnmasten montiert.

Statische Bedenken

Dass betriebsfremder Strom für den Ferntransport durch dieses Netz geleitet wird, schließt die Bahn bereits aus. Dessen Spannung von 110.000 Volt sei dafür zu gering. Das Anbringen zusätzlicher Stromleitungen an den Masten wiederum sei in vielen Fällen gar nicht möglich, sagte Bahnvorstand Volker Kefer in einem Interview. Die Bahn verweist auf statische Gründe.

Auch die Nutzung bestehender Bahnstrecken für neue Hochspannungstrassen wäre am Ende wohl kompliziert. Aus Sicherheitsgründen etwa müssten die neuen zusätzlichen Kabel, in denen dann viel stärkerer Strom fließt, in großer Höhe über den darunter fahrenden Zügen sowie in entsprechender Entfernung zu Menschen und Häusern angebracht werden.