Im- und Export

Warum derzeit französischer Atomstrom importiert wird

Inzwischen werden härtere Geschütze in der Ausstiegsdebatte aufgefahren. Die einen sagen, die Stromimporte überstiegen seit dem Moratorium die Exporte, die anderen bestreiten das. Klar scheint hingegen, dass derzeit mehr französischer Atomstrom importiert wird als früher - obwohl das Experten zufolge gar nicht nötig wäre.

Stromzähler© Gina Sanders / Fotolia.com

Berlin (dapd/red) - Der Tag des Wandels war der 17. März 2011, ein Donnerstag. Zwei Tage zuvor hatte die Bundesregierung beschlossen, sieben alte Atomkraftwerke vom Netz zu nehmen und das stillgelegte Krümmel nicht wieder zu betreiben. Jetzt reagierte die Energiewirtschaft prompt und importierte Strom aus dem Ausland. Genauer gesagt: Sie importierte angeblich mehr, als aus dem klassischen Strom-Exportland Deutschland ausgeführt wurde. Das geht aus einem Papier des BDEW (Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft) hervor. Der Branchenverband schlüsselt auf, dass seit Mitte März die Importe sogar konstant überwiegen. Eine Sprecherin des Umweltministeriums hat das inzwischen bestritten; Deutschland bleibe Netto-Exporteur.

Importierte Strommenge gestiegen

Die eingeführte Strommenge aus Frankreich etwa hat sich in der zweiten Märzhälfte gegenüber der ersten fast verdoppelt. Der französische Strom wiederum besteht zu 80 Prozent aus Kernenergie. Das bedeutet: Deutschland steigt zwar selbst schrittweise aus der Stromversorgung aus Atomkraft aus, führt aber - zumindest teilweise - Atomstrom aus dem Ausland ein.

Das sei Doppelmoral - so erklärten Kritiker. "Wenn wir unsere Kernkraftwerke abschalten und stattdessen Atomstrom aus Frankreich oder Tschechien importieren, dann wäre das wirklich Augenwischerei, dann belügen wir uns selbst", sagte etwa der Risikoforscher Ortwin Renn, Mitglied der neuen Ethikkommission der Bundesregierung.

"Es gibt jetzt allerlei unerwünschte Übergangseffekte", antwortet darauf Ralph Harthan vom Öko-Institut. Er hat mit Kollegen im März eine Studie zum Thema erarbeitet ("Schneller Ausstieg aus der Kernenergie in Deutschland. Kurzfristige Ersatzoptionen, Strom- und CO2-Preiseffekte"). Die Forscher kamen zum Schluss, dass die acht Altmeiler durchaus mit bislang nicht genutzten Kapazitäten aus dem vorhandenen deutschen Kraftwerkspark zu ersetzen wären. "Die Lichter gehen nicht aus" - das war damals ihre Kernbotschaft. Technisch stimmt das nach wie vor. Doch warum kommt es jetzt zu Importen?

"Der Markt entscheidet sich offenbar eher dafür, Strom zu importieren, als auf eigene Kraftwerke zurückzugreifen", erklärt Harthan. "Technisch wäre es möglich, eigene Kraftwerke zu nutzen. Doch offenbar ist günstiger Atomstrom aus dem Ausland zurzeit attraktiver." Mittelfristig könne sich das wieder ändern, schreibt der BDEW, "etwa durch das stärkere Ausfahren der bestehenden konventionellen Kraftwerke im Inland."

Genug "eigener" Strom wäre vorhanden

Auch für Umweltverbände kommt die BDEW-Statistik überraschend. "Für uns war immer der Maßstab: Können wir die ausgefallenen acht Meiler mit eigenen Kapazitäten ersetzen oder nicht?" sagt Elmar Große Ruse, energiepolitischer Sprecher vom NABU. "Jetzt wird es komplizierter. Wir müssen jetzt verstärkt dafür sorgen, dass die erneuerbaren Energien billig genug werden, damit Atomstrom nicht mehr deshalb importiert wird, weil er billiger ist."

Erneuerbare Energien deckten 2010 etwa elf Prozent des deutschen Stromverbrauchs. Das liegt zwar über dem Vorjahreswert, ist aber natürlich längst nicht genug, um den Wegfall von acht Atomkraftwerken auf die Schnelle auszugleichen. Hier hätten - so die Studie des Öko-Instituts - konventionelle Stein- und Braunkohle- und Gaskraftwerke zum Einsatz kommen sollen. Diese hätten, so haben es die Forscher errechnet, freie Kapazitäten von mindestens 8.700 Megawatt. Diese könnten relativ kurzfristig mobilisiert werden.

Etwas zeitaufwändiger sei es, die sogenannte "Kaltreserve" zu aktivieren. Das sind Kraftwerke, für die es noch eine Betriebslizenz gibt, die aber nicht mehr im Betrieb sind, sondern "eingemottet" - so heißt es wirklich. Rund 2.500 Megawatt könnten so im Verlauf von einigen Wochen oder Monaten zur Stromproduktion verfügbar gemacht werden.

Als Gegenargument wird der Klimawandel angeführt. Denn mehr Kohle und Gas im Energiemix heißt auch: mehr CO2 in der Atmosphäre. "Dass es einen Zielkonflikt zwischen einem sofortigen Atomausstieg und dem Klimaschutz gibt, liegt auf der Hand", erklärt Christian Hey vom Sachverständigenrat für Umweltfragen, einem Beratergremium der Bundesregierung. Da allerdings der CO2-Ausstoß durch den sogenannten Emissionshandel gedeckelt ist, würde auch bei zusätzlichen Emissionen in Deutschland die Kohlendioxid-Belastung europaweit in etwa gleich bleiben. Was hierzulande an zusätzlichem Treibhausgas anfiele, würde als Folge des dem Emissionshandel zugrunde liegenden Marktmechanismus an anderer Stelle vermieden.

Der scheinbar billige Atomstrom

Deshalb galt bis vor kurzem als ausgemacht, dass die Reserven im deutschen Kraftwerkspark eine sinnvolle Alternative zum Atomstrom sind. Doch bislang entscheidet sich "der Markt" anders. "Atomstrom ist einfach vergleichsweise billig", sagt Experte Harthan. Und das - obwohl de facto widerlegt - wird wohl noch eine Weile so bleiben. Deshalb wird - auf jeden Fall kurzfristig - Atomstrom aus dem Ausland importiert werden. "Das ist Wasser auf die Mühlen derer, denen die aktuelle Atompolitik der Bundesregierung nicht passt", sagt Große Ruse vom NABU.