Vor 20 Jahren

Wackersdorf: Kampf gegen atomare Wiederaufbereitungsanlage

Tausende Menschen kämpften vor 20 Jahren gegen eine atomare Wiederaufbereitungsanlage (WAA) in Wackersdorf in der Oberpfalz. 881.000 Menschen reichten Einwendungen beim Umweltministerium ein - mit Erfolg, denn einige Monate später wurde der Bau der Anlage eingestellt.

Netzausbau© Günter Menzl / Fotolia.com

München (ddp/sm) - Als es vorbei war, nach vielen Jahren kräftezehrenden Protests, jubelte Pfarrer Richard Salzl gemeinsam mit Tausenden Mitstreitern vor einem Werkstor des Geländes, auf dem die geplante WAA entstehen sollte. Es war 1989, an dem Tag, an dem das Aus der bundesweit ersten Anlage dieser Art verkündet wurde. Der riesige Widerstand hatte sich gelohnt. Er hatte sich viele Wege gesucht. Einer davon hat sich kürzlich zum 20. Mal gejährt: 881.000 Menschen reichten beim Umweltministerium schriftliche Einwendungen gegen die WAA ein.

Behörden hatten mit Bergen von Einwenungen zu kämpfen

"Das war einer der Todesstöße für die WAA", sagt Rudi Amannsberger, bei den Landtags-Grünen zuständig für Energiepolitik. Fünf Wochen lang hätten die Behörden versucht, den Berg von Einwendungen zu bewältigen, dann jedoch abgebrochen, "weil sie es politisch nicht mehr ausgehalten haben". Wenige Monate später starb der große WAA-Befürworter und Ministerpräsident Franz Josef Strauß (CSU). Knapp ein Jahr später wurde der Bau der Anlage eingestellt. Die Atomgegner jubelten.

Unter ihnen Salzl, Geistlicher der beschaulichen Pfarrgemeinde Penting, nur ein paar Kilometer von Wackersdorf entfernt. Als die WAA-Pläne aufkamen, organisierte er mit einer Hand voll Kollegen eine Glaubensgemeinschaft von Atomgegnern. Diejenigen, die überzeugt waren: "Wir müssen was machen". Sie richteten eine Gebetsstelle neben dem WAA-Gelände ein und kamen jeden Sonntag zum Sprechen, Beraten und Beten, sie taten sich mit Bürgerinitiativen zusammen.

Irgendwann griffen Angst, Wut und Empörung über auf ganz Deutschland und darüber hinaus. Es wurde eine "sehr emotionale Sache", sagt Salzl. Die Atomgegner kamen von überall her, es flogen Steine, Wasserwerfer wurden eingesetzt, es gab Krawalle, und Salzls Glaubensgemeinschaft betete plötzlich auch gegen Gewalt.

Thema erhitzt noch heute die Gemüter

Wackersdorfs heutiger Bürgermeister Alfred Jäger (Freie Wähler) war zur WAA-Zeit schon im Gemeinderat und hat "die ganze Situation hautnah erlebt". Bei einem Gespräch mit ihm wird sofort klar, wie sehr das Thema die Gemüter in Wackersdorf heute noch erhitzt. Jäger wirbt für Sachlichkeit, die kam seiner Ansicht nach immer zu kurz. Zwar versteht er die Bedenken gegen eine WAA, die schließlich "keine Fahrradspeichenfabrik" sei. Er als Elektrotechniker sei jedoch für die Anwendung von Atomtechnologie - unter Ausschluss aller Risiken. Der 61-Jährige erinnert daran, dass die WAA der damals wirtschaftlich schlecht gestellten Region 1500 Arbeitsplätze bringen sollte. Die Angst, die in den WAA-Zeiten umging, teilt Jäger. Er fürchtete jedoch nicht etwa wegen der Atomkraft um seine Familie, sondern wegen ihrer Gegner: "Wir wurden bedroht."

Auch Salzl erinnert sich gut an die schwitzigen Hände und das Zittern, das solche Anrufe auslösen. "Bis zu Morddrohungen" sei das ausgeartet. Er folgte trotzdem seiner "ethischen Überzeugung". Heute ist er zutiefst erleichtert über den Ausgang der "angstbeladenen Geschichte". "Das ist wirklich ein Segen", findet er und ist darin völlig einig mit Bürgermeister Jäger: "Wir haben ein riesen Glück gehabt", sagt dieser. Nach dem Aus für die WAA entstand ein Industriepark auf dem Gelände. Etwa 3000 Arbeitsplätze zähle Wackersdorf heute.