Vossnet: "Wir werden liefern" - Geld liegt auf Treuhand-Konto fest - Kawatt AG bestätigt Übernahmeangebot der Vossnet-Kunden und bietet Aushilfe in Geschäftsführung an

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"Vossnet wird den Vertragsbedingungen nachkommen und im Februar/März des kommenden Jahres Strom liefern". - Mit diesen Worten reagierte heute Nachmittag Carsten Borgmeier, seit dieser Woche als Presseagent für die Berliner Vossnet Communications GmbH tätig, auf die Betrugsvorwürfe, mit denen sich das Unternehmen in den vergangenen Tagen konfrontiert sah und immer noch sieht. Der originäre Internet-Provider habe bereits vereinzelt Lieferverträge mit regionalen Stromanbietern abgeschlossen, welche man auch der ermittelnden Staatsanwaltschaft Bremen übergeben habe. Augenblicklich verhandele Vossnet mit deutschen wie ausländischen Stromerzeugern, um Kunden in der gesamten Bundesrepublik beliefern zu können. "Es ist richtig: Vossnet hat noch keinen Vertrag mit einem Erzeuger geschlossen, der bundesweit liefert", sagte Borgmeier gegenüber dem strom magazin. Aber auch: "Auf Grund des öffentlichen Drucks werden wir in den kommenden Wochen den Namen des Anbieters bekannt geben, wenngleich wir dazu nicht verpflichtet sind". Derweil hat die Kölner Kawatt AG der Vossnet Communication GmbH angeboten, in beratender Geschäftsführungsfunktion auszuhelfen. "Dieser Schritt soll als Signal verstanden werden, einen fairen Wettbewerb zu führen", so Kawatt-Vorstand Robert H. Kyrion exklusiv gegenüber dem strom magazin. Als Motivation, das eigene Know-how anzubieten, gab Kyrion an, neu geschaffene und nun mehr vielleicht bedrohte Arbeitsplätze bei Vossnet sichern zu wollen.



Die Vossnet Communications GmbH, die seit 1994 als Internet-Provider tätig ist, hat die ersten Aufträge zur Stromlieferung Ende August dieses Jahres abgeschlossen. Die meisten Verträge, so Borgmeier, habe man in den Monaten Oktober und September abgeschlossen. Gemäß den Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Gesellschaft muss die Stromlieferung innerhalb von sechs Monaten erfolgen - insofern steht Vossnet in der Verpflichtung, die Stromlieferung in den Monaten Februar und März 2000 aufzunehmen. "Wir werden rechtzeitig liefern", unterstrich Borgmeier.



Im Mittelpunkt der Betrugsvorwürfe (lesen Sie hier). In Sachen Vossnet-Strompreis heißt es dort: "Der für die Vossnet GmbH anfangs entstehende Verlust wird von uns mit fünf Pfennig pro Kilowattstunde angenommen". Diese Vermutung rief die Staatsanwaltschaft Bremen auf den Plan, die vor acht Tagen Firmenbüros sowie Privaträume durchsucht und Akten beschlagnahmt hatte. Vorwurf: Vossnet für den Antrag zur Stromlieferung eine Verwaltungsgebühr von 60 Mark erhoben, dafür aber noch keine Gegenleistung erbracht. Überdies bestünden "stichfeste Zweifel", ob das Unternehmen überhaupt Strom liefern könne, ließ die Staatsanwalt seinerzeit verlauten.



Dem Vorwurf des Betrugs trat Borgmeier heute nachhaltig entgegen. Das EBAG-Papier, so der Presseagent, gehe lediglich von den Preisen deutscher Erzeuger aus, nicht aber von dem Umstand, dass man auch günstigeren Strom aus dem Ausland beziehen könne. Sodann gebe es längst Anbieter, die - zumindest für Verbraucher mit einem niedrigerem Stromverbrauch - mit noch günstigeren Preisen auf den Markt getreten seien. Bei Single-Haushalten mit einem geringeren Stromverbrauch sei Vossnet schon gar nicht mehr der billigste Anbieter. Und nicht zuletzt würden die Strompreise "noch weiter fallen", zeigte sich Borgmeier sicher. Es sei durchaus denkbar, dass Vossnet mit anfänglichen Verlusten ins Stromgeschäft einsteige, doch weder müsse dies "zwingend der Fall sein", noch habe dieser Umstand Auswirkungen auf den Kundenservice oder die Stromlieferung.



Angaben des Unternehmens zufolge haben bereits 27.000 Kunden die einmalige Verwaltungsgebühr in Höhe von 60 Mark erhoben - alles in allem 1,62 Millionen Mark, die derzeit auf einem Treuhandkonto eines Rechtsanwaltes liegen, wie Borgmeier auf Nachfrage bestätigte. Insofern ist die Angst vieler Kunden unbegründet, dass Vossnet das Geld veruntreuen könnte. Auch den Vorwurf, Vossnet habe bislang keine Gegenleistung für die Verwaltungsgebühr erhoben, wies Borgmeier zurück: Zwischen 7000 und 8000 Kunden würden bereits den kostenlosen Internet-Zugang nutzen, den man im Rahmen des Vertrags zur Stromlieferung offeriere.



An der Vossnet Communications GmbH seien drei Gesellschafter beteiligt: Die Stolberger AG zu 75 Prozent, die Firma S&L zu 20 Prozent sowie die in Delaware/USA ansässige Tayler Service & Trade zu fünf Prozent. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft richten sich vornehmlich gegen Peter Schwarze (45), der laut Radio Bremen und SWR-Report Vossnet über die vermeintliche "Briefkastenfirma" Tayler "kontrolliert". Schwarze wurde Anfang der 90-er Jahre zu neun Monaten auf Bewährung sowie zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er unlautere Geschäfte mit einem Touristikunternehmen begangen hatte. Laut Borgmeier ist Schwarze Vertreter der Tayler Service & Trade in Deutschland. Die Geschicke der Firma Vossnet könne er schon alleine deshalb nicht lenken, da die Tayler Service & Trade nur einen fünfprozentigen Anteil ihr Eigen nenne.



"Der Schaden für unser Unternehmen war enorm", kommentierte Borgmeier die Geschehnisse der vergangenen Tagen Jedoch hätten bislang nur "ein paar Hundert" Kunden gekündigt. Reaktionen unserer Leser zufolge haben diese ihr Geld problemlos zurückerstattet bekommen. Borgmeier appellierte an die Vossnet-Kunden, dem Unternehmen zu vertrauen - Informationen erteile die Support-Hotline.



Vermutungen, andere Anbieter seien bereits mit dem Angebot der Kundenübernahme an die Vossnet Communications GmbH herangetreten, wollte Borgmeier nicht bestätigen. Das tat dafür Robert H. Kyrion, Vorstand der Kölner Kawatt AG: "Wir haben Vossnet ein durchaus interessantes Angebot unterbreitet, die Stromversorgung ihrer Kunden zu sicheren Bedingungen und unseren Konditionen zu übernehmen", so Kyrion. Mehr noch: Die Kawatt AG bietet Vossnet an, beratend in der Geschäftsführung auszuhelfen. "Wir wollen den fairen Wettbewerb und neu geschaffene Arbeitsplätze erhalten", so Kyrion gegenüber dem strom magazin. Überdies habe die Kawatt allen Anbietern, die bis dato keinen Strom liefern können, angeboten, deren Kunden zu übernehmen. Fünf Firmen, so Kyrion, hätten sich bereits gemeldet. "Wir sind keine Top-Rider", so Kyrion, "aber das ist auch nicht unser Anspruch. Wir liefern zehn Wochen nach Eingang des Vertrags".


Thomas Liebau