Rückblick

Von Gorleben bis Cancún: Das Umweltjahr 2010

Der erste deutsche Offshore-Windpark geht in Betrieb, eine explodierende Ölplattform im mexikanischen Golf sorgt für eine Umweltkatastrophe, die Bundesregierung kippt mit ihrem Energiekonzept den Atomausstieg: Ein Rückblick auf das Jahr 2010 und die wichtigsten Ereignisse für Klima und Umwelt.

Netzausbau Ökostrom© Gina Sanders / Fotolia.com

Berlin (dapd/red)

Januar

"Gletschergate": Der Weltklimarat IPCC muss zugeben, dass sich ein Fehler in seinen Bericht zur Klimaforschung von 2007 eingeschlichen hat. Das Abschmelzen der Himalaja-Gletscher wurde für 2035 prognostiziert, das erwies sich jedoch als falsch. Dieser Schnitzer gibt den sogenannten Klimaskeptikern neuen Auftrieb, also jenen, die die Prognosen zum Klimawandel für übertrieben halten.

Februar

Betrüger erbeuten in einer weltweiten Internet-Attacke gegen den Handel mit Emissionsrechten mehrere Millionen Euro, allein drei Millionen Euro in Deutschland.

März

Die Artenschutzkonferenz in Doha schlägt zu großen Teilen fehl. Zum Beispiel scheitert ein Fangverbot für den vom Aussterben bedrohten Roten Thunfisch an den wirtschaftlichen Interessen einiger Mitgliedsstaaten.

April

Mit "Alpha Ventus" geht der erste deutsche Offshore-Windpark 45 km vor Borkum in Betrieb. Er soll Strom für rund 50.000 Haushalte liefern. Kritiker bemängeln, der Ausbau der Offshore-Windenergie gehe viel zu langsam voran.

Eine Aschewolke aus dem seit März aktiven isländischen Vulkan Eyjafjallajökull legt große Teile des Flugverkehrs lahm. Wie groß die Auswirkungen der Vulkanasche auf das Klima und die Gesundheit hat - darüber wird noch gestritten.

Forscher entdecken auf Borneo 123 bislang unbekannte Tierarten, darunter einen fliegenden Frosch, der seine Haut- und Augenfarbe ändern kann.

Mai

Im Golf von Mexiko explodiert die Ölplattform "Deepwater Horizon". Drei Monate wird es dauern, bis es der Betreiberfirma gelingt, das entstandene Leck im Förderrohr in rund 1.500 Metern Tiefe zu stopfen. Bis dahin treten geschätzte 780 Millionen Liter Öl ins Meer aus. Es ist die größte Umweltkatastrophe in der Geschichte der USA. Über die wirtschaftlichen und ökologischen Folgen gibt es heftigen Streit zwischen der US-Regierung und Wissenschaftlern.

Juni

Die Frühjahrskonferenz der Weltklimadiplomatie in Bonn bleibt nahezu ohne Ergebnis. Ein neuer Verhandlungstext für die Zeit nach Ablaufen des Kyoto-Protokolls wird am Ende nur "zur Kenntnis genommen".

Juli

Bundesrat und Bundestag beschließen, die Fördermittel für Fotovoltaikanlagen zu kürzen. Durch das schnelle Wachstum bekommt die Solarindustrie überproportional viele Subventionen.

Eine extreme Kältewelle sucht Teile Lateinamerikas heim. In Buenos Aires schneit es sogar: ein sehr seltenes Ereignis. Die Kältewelle ist nur ein Beispiel dafür, dass 2010 ein Jahr der Wetterextreme wird.

Die Vereinten Nationen erklären das Recht auf sauberes Wasser zum Menschenrecht. Boliviens UN-Botschafter Pablo Solón sagt vor der Vollversammlung, alle dreieinhalb Sekunden sterbe ein Kind, weil es keinen Zugang zu sauberem Wasser habe. Völkerrechtlich bindend sind die Menschenrechte allerdings nicht.

August

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon nennt sie "Tsunami in Zeitlupe": die Flutkatastrophe in Pakistan. Rund 1.600 Menschen sterben, 20 Millionen werden obdachlos, schätzungsweise 5.000 Dörfer werden völlig zerstört. Dennoch gehen viel zu wenig Spenden ein, offenbar aus Angst, mit dem Geld vor allem Islamisten zu unterstützen.

September

Mit dem "Energiekonzept" legt die schwarz-gelbe Bundesregierung ihren Plan vor, wie bis 2050 eine "umweltschonende, zuverlässige und bezahlbare Energieversorgung" erreicht werden soll. Bis 2050 soll der CO2-Ausstoß um 80 Prozent im Vergleich zu 1990 gesenkt werden, der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromversorgung soll dann 80 Prozent betragen. Um das zu erreichen, hält die Regierung es für notwendig, den Atomausstieg zu kippen. Atomkraft soll eine "Brückentechnologie" sein, um die Versorgungssicherheit zu garantieren. Die Laufzeiten der 17 deutschen Kernkraftwerke werden verlängert. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen, ein Beratergremium der Bundesregierung, kritisiert die Laufzeitverlängerung als "Investitionshindernis für die Erneuerbaren Energien", der WWF befürchtet eine "klimapolitische Sackgasse".

Oktober

In Ungarn überflutet giftiger Bauxitschlamm mehrere Dörfer, nachdem das Auffangbecken eines Aluminiumwerks leckschlug. Neun Menschen sterben, mehrere tausend Hektar Land werden auf Jahre unfruchtbar sein. Die Umweltbehörde sagt, die Betreiberfirma habe die Sicherheitsbestimmungen nicht beachtet.

Im niedersächsischen Gorleben werden die Erkundungsarbeiten im Salzstock wieder aufgenommen. Nach zehnjähriger Pause lässt die schwarz-gelbe Bundesregierung ihn erneut auf seine Eignung als Endlager für hoch radioaktiven Müll prüfen.

Die UN-Konferenz zur Artenvielfalt im japanischen Nagoya endet mit einem Durchbruch. Zehn Prozent der Meeresoberfläche sollen bis 2020 unter Schutz stehen, ferner 15 Prozent des Festlands.

November

Mit den größten Protesten seit dem ersten Castor-Transport 1995 wird ein Atommülltransport nach Gorleben begleitet. Zehntausende Menschen demonstrieren und blockieren Schienen und Straßen. Der Widerstand richtet sich auch gegen die von der Regierung beschlossene Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke.

Dezember

Der Klimagipfel in Cancún geht mit überraschend konkreten Zusagen zu Ende. Die Teilnehmer einigen sich auf eine bindende Höchstgrenze von zwei Grad Erderwärmung. Weitere Maßnahmen im Kampf gegen den Klimawandel sollen in einem völkerrechtlich verbindlichen Abkommen beschlossen werden - allerdings erst auf dem Klimagipfel in Durban Ende 2011.

Ungewöhnlich früh und heftig kommt der Winter nach Deutschland - und doch: Das Jahr 2010 wird als eines der drei weltweit wärmsten Jahre in die Geschichte der Wetteraufzeichnung eingehen, so die Weltorganisation für Meteorologie (WMO).