Streit um Kohlekraftwerke

Vielerorts protestieren Menschen gegen den Bau neuer Anlagen

Rund 25 Kohlekraftwerke sollen in den nächsten Jahren in Deutschland entstehen. Nach Berechnungen der Umweltschutzorganisation Greenpeace würden dadurch jährliche CO2-Emissionen von insgesamt 130 Millionen Tonnen verursacht. Vielerorts gibt es allerdings Widerstand in der Bevölkerung.

Netzausbau© Thomas Aumann / Fotolia.com

Mainz (ddp-rps/sm) - Die meisten der vorgesehenen Kraftwerksstandorte liegen in Nordrhein-Westfalen und im Norden. Aber auch im Südwesten sollen nach dem Willen der Betreiber in Mainz, Mannheim, Karlsruhe, im saarländischen Querschied und im hessischen Großkrotzenburg Kohlekraftwerke entstehen.

Die Anwohner fürchten gesundheitliche Risiken durch die Kraftwerksemissionen und organisieren sich. Das Beispiel von Ensdorf, wo die Bürger mehrheitlich gegen den Bau eines 1600-Megawatt-Kohlekraftwerks votierten und damit Ende November die Pläne des Energiekonzerns RWE kippten, gibt ihnen Auftrieb.

In Großkrotzenburg gab der Energiekonzern E.ON im Dezember bekannt, den eigentlich für Oktober 2008 geplanten Baustart für das neue Kraftwerk Staudinger um mindestens ein Jahr zu verschieben. Der Grund: Die hessische Landesregierung hatte auf Betreiben der Anwohner ein Raumordnungsverfahren angeordnet. Dadurch wird der rund 1,2 Milliarden Euro teure neue Steinkohleblock, der eine Leistung von rund 1100 Megawatt haben soll, erst frühestens 2013 ans Netz gehen und nicht schon wie geplant 2012. Am Standort wird bereits in insgesamt fünf Kraftwerksblöcken Strom erzeugt.

E.ON hatte die Investition vor rund einem Jahr bekanntgegeben und mit dem hohen Wirkungsgrad der modernen Anlage geworben, die "höchsten Umweltansprüchen" genüge. Gegenüber den heutigen Kraftwerksblöcken werde sich der Ausstoß von Kohlendioxid dadurch um 20 Prozent verringern. Doch die Bürgerinitiative "Stopp Staudinger" hält dies für einen Trick - die Angaben bezögen sich auf den CO2-Ausstoß pro Kilowattstunde.

Da die neue Anlage fast doppelt so leistungsstark werden soll wie die alten Kraftwerksblöcke, reduziere sich in der Tat die Schadstoffbelastung pro Kilowattstunde, räumte die Initiative ein. Absolut betrachtet steige der CO2-Ausstoß in Großkrotzenburg aber von derzeit 4,4 Millionen auf rund 7,8 Millionen Tonnen pro Jahr und damit um mehr als 70 Prozent. "Stopp Staudinger" sammelte rund 30.000 Protestunterschriften und rang Hessens Wirtschaftsminister Alois Rhiel (CDU) damit das Raumordnungsverfahren ab.

Für Streit mit Anwohnern und Naturschützern sorgen auch die Pläne für ein Kohlekraftwerk auf der Ingelheimer Aue zwischen Mainz und Wiesbaden. Das Kraftwerk sei mit 800 Megawatt Leistung für Mainz und Wiesbaden überdimensioniert, lautet die Kritik, der sich auch die hessische SPD-Chefin Andrea Ypsilanti anschloss. Sie argumentierte, das Projekt werfe "die energiepolitische Diskussion um Jahrzehnte zurück". Das geplante Kraftwerk konterkariere "in fataler Weise" den mühevollen Kampf zur CO2-Reduktion. Die Kohleverstromung habe sich "als Technik bereits heute überlebt", betonte Ypsilanti. Die neue Anlage soll zwei bestehende Gaskraftwerke ersetzen und 2012 in Betrieb gehen.

Befürworter von Kohlekraftwerken argumentieren hingegen, eine dauerhafte Energiesicherheit sei in Deutschland ohne den Bau neuer Kohlekraftwerke nicht sicherzustellen - gerade mit Blick auf einen angestrebten Atomausstieg. Auch der rheinland-pfälzische Wirtschaftsminister Hendrik Hering (SPD) betonte, dass man um den Bau neuer Kohlekraftwerk wohl nicht herumkommen werde, ohne die Energiesicherheit zu gefährden. Denn rund 50 Prozent der Kraftwerkskapazitäten in Deutschland müssten in den nächsten Jahren erneuert werden.