Porträt

Viel Erfahrung: Werner Müller neuer Bahn-Aufsichtsratschef

Der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn AG hat gestern Dr. Werner Müller, RAG-Vorstandschef, zum Vorsitzenden gewählt. Müller ist bereits seit Ende 2004 Mitglied des DB-Aufsichtsrats. Stellvertretender Vorsitzender bleibt Norbert Hansen, Vorsitzender der Gewerkschaft Transnet GdED.

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Berlin (ddp/sm) - Mit dem Vorstandschef des Essener Bergbau- und Chemiekonzerns RAG, Werner Müller, rückt ein Manager an die Spitze des Bahn-Aufsichtsrates, der schon vor und auch in seiner Zeit als Bundeswirtschaftminister (1998 bis 2002) als ein Mann der Wirtschaft galt. Der parteilose Diplom-Volkswirt und promovierte Sprachwissenschaftler, der als SPD-nah bezeichnet wird, war 1998 als Quereinsteiger ins Kabinett von Gerhard Schröder (SPD) eingezogen.

Vor dem Wechsel in die Politik hatte er sieben Jahre für RWE gearbeitet und war später zum Konkurrenten Veba gewechselt. Nach dem Ausscheiden aus der Regierung kehrte Müller in die Energiebranche zurück und übernahm dort den Chefposten der früheren Ruhrkohle AG. Dort strebt er für die RAG ebenso wie Bahnchef Hartmut Mehdorn für sein noch bundeseigenes Unternehmen einen Börsengang an.

Im Aufsichtrat der Deutschen Bahn sitzt Müller bereits seit Dezember 2004. Schon als Bundeswirtschaftsminister hatte er sich 2001 gegen Pläne für eine Trennung von Netz und Betrieb der Bahn ausgesprochen. Er sieht dabei auch aktienrechtliche Probleme. Da über den Posten des Aufsichtsratchefs bei der Deutschen Bahn traditionell der Kanzler entscheidet, steht Müllers Zukunft in dieser Funktion jedoch unter einem Fragezeichen. Bei einem Regierungswechsel im Herbst könnte einem neuen Kabinett unter der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel eine SPD-nahe Bahn-Doppelspitze aus dem vielfach als Kanzlerfreund titulierten Mehdorn und Müller ein Dorn im Auge sein. Zumindest einer dürfte dann wohl seinen Platz räumen müssen.

Der frühere Wirtschaftsminister gilt als Manager des deutschen Atomausstiegs. Der nach eineinhalbjährigen Verhandlungen erzielte Konsens ging nach Ansicht vieler Beobachter nicht zuletzt auf sein Konto. Zu Beginn seiner Amtszeit als Minister eher ruhig und konsensorientiert wirkend, was ihm bei der Opposition den Ruf eines "zahnlosen Tigers" eintrug, eckte der gebürtige Essener mit zunehmender Amtsdauer stärker mit seinen Auffassungen an und scheute auch vor Auseinandersetzungen mit seinen Kabinettskollegen nicht zurück.

In die Schlagzeilen brachte Müller im Mai 2000 eine Weisung an die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post, bis Ende 2002 das Briefporto bei 1,10 Mark festzuschreiben. Als Müllers Erfolg gilt auch die Abschaffung des Rabattgesetzes. Im Streit um die Genehmigung der Ruhrgas-Übernahme durch E.ON überlies Müller 2002 wegen seiner früheren Managertätigkeit bei E.ON-Vorgängerin Veba den Entscheid über eine so genannte Ministererlaubnis zur Fusion dem damaligen Wirtschaftsstaatssekretär Alfred Tacke, um sich nicht dem Vorwurf der Befangenheit auszusetzen. Eng eingebunden war er ebenfalls in das vorbildliche Krisenmanagement für die Opfer der Hochwasserkatastrophe in Sachsen kurz vor den Bundestagswahlen 2002.

Trotz zahlreicher Medienberichte über eine angebliche Amtsmüdigkeit Müllers zum Ende der ersten rot-grünen Legislaturperiode hielt sich der Vater von zwei Kindern auch nach der Wahl zunächst noch als Minister bereit. Doch dann rückte im Oktober 2002 der damalige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Wolfgang Clement (SPD), als Superminister für Wirtschaft und Arbeit ins Bundeskabinett ein und wurde damit sowohl Müllers Nachfolger als auch der von Arbeitsminister Walter Riester (SPD).

Von ddp.vwd-Korrespondent Hans-Peter Nacken