Verbraucherzentrale NRW: Der große Bluff mit dem Umweltstrom

Netzausbau© Thomas Aumann / Fotolia.com
Immer mehr Haushalte sind dazu bereit, für Strom aus erneuerbaren Quellen mehr zu bezahlen. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen zieht jetzt aber eine kritische Bilanz: "Zahlreiche Stromkunden sitzen der Schönfärberei mancher Stromversorger auf", sagt Helmfried Meinel, Energieexperte der Verbraucher-Zentrale NRW. Jeder fünfte Deutsche ist nach einer Infas-Umfrage aus dem vergangenen Jahr bereit, für Strom aus erneuerbaren Ressourcen bis zu 15 Prozent mehr zu zahlen.


Die Haushalte hätten die Wahl. "Sauberen Strom zum sauberen Preis" liefere etwa die LichtBlick GmbH. Oder "man knipst die Lampe an und tut etwas Gutes": mit dem Strom der Abos Energie AG, so der Verbraucherzentrale. Wie diese Frischlinge rollten auch altbekannte Energieunternehmen auf die Öko-Schiene. "Energreen" haben die Stadtwerke in Köln (GEW) und Bielefeld, sowie 16 weitere Regionalversorger, ihren Umwelttarif getauft. "Deutschland wechselt zu Aquapower" hoffe die Bayernwerk AG in München. Mit dem Tarif "Joschka" treten die Stadtwerke Braunschweig an. Mehr als 80 Firmen verkauften inzwischen Strom mit Öko-Etikett, bundesweit oder regional, schätzt die Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke (VDEW) in Frankfurt. Die Kilowattstunde, exklusiv aus Sonne, Wind und Wasser, aus Biomasse und Erdwärme, kostet im Schnitt sieben Pfennig mehr als der konventionelle Mix, mit Strom auch aus Kohlekraftwerken und Atommeilern.


Klare Worte der Verbraucherschützer: In der Realität bekommt kein ökosinniger Kunde, was er bestellt. "Das verhindern die Gesetze der Physik", sagt Meinel. Der Strom ließe sich nicht sortieren - nach Energie aus Atommeilern und Elektronen aus Biomasse. Wer in Berlin Windkraft von der Nordsee ordert, aus dessen Steckdose käme nach wie vor der Strom, den der hauptstädtische Versorger ins Netz schickt. Und das ist nach wie vor ein Mix aus verschiedenen Quellen: ökofeindlichen und umweltfreundlicheren. Den Strom mit regenerativem Ursprung müssten die Herren der Überlandleitungen vorrangig ins Netz nehmen. Gesetzlich festgelegt ist auch der jeweilige Preis, den die Gesellschaften für die Kilowattstunde etwa aus Windkraft oder Photovoltaik (Sonnenkollektoren), aus Erdwärme oder Grubengas an den Erzeuger zu zahlen haben.


Das Nachsehen hätten die Kunden, die einen geflunkerten Öko-Tarif wählen. Sie "verhelfen nur ihren Nachbarn zu günstigeren Strompreisen und dem Versorger zu einem pralleren Konto", warnt Helmfried Meinel. Ökologisch bleibt ihr ausdrücklicher Wunsch, "Grünstrom" zu beziehen, und die Bereitschaft, dafür einen Aufschlag zu akzeptieren, ohne Auswirkung. Wirkliche statt bloß kalkulatorische Veränderung bewirken allein die Kunden, die einen reellen Öko-Tarif finden. Nur ihr Beitrag erlaubt, Anlagen zur Stromgewinnung aus unversiegbaren Quellen zu bauen, für die sich sonst kein Investor findet: weil die Kosten der dort erzeugten Energie über der vom Gesetz festgeschriebenen Vergütung liegen, die die Netzbetreiber zu zahlen haben. "Ausschließlich diese Nachfrage führt zu einer Ausweitung des Angebots und damit ins ökologische Plus" sagt Energiefachmann Meinel. "Alles andere ist Bauernfängerei."


Inzwischen existiere bereits eine Vielzahl echter Öko-Angebote. Nur: Der Laie kann die einwandfreien Tarife nicht von den "Super"-Gaukeleien unterscheiden. Deshalb versuchen Vereine, per Zertifikat die Spreu vom Weizen zu trennen. Den Anforderungen der Verbraucher-Zentrale NRW genügen vor allem "Grünstrom regenerativ" und "Grünstrom effektiv"von Öko-Institut und Bremer Energie-Konsens. Einen zusätzlichen Ausbau umweltfreundlicher Stromerzeugung garantieren (mit Einschränkungen) auch die Auszeichnungen "GSL Gold" und "GSL Silber" des Vereins Grüner Strom Label. Mit Edelmetall dürfen sich beispielsweise Energreen-Tarife vieler Stadtwerke schmücken. Dagegen bekommen die Siegel des TÜV Süddeutschland (EE01, EE02, UE01,UE02) sowie des Verbands der TÜV (VdTÜV 1303) von Helmfried Meinel derzeit keine Empfehlung.