Kritik an Ökostrom-Trick hält an

Verbraucherschützer bemängeln Intransparenz von RECS-Zertifikaten

Die Kritik an der legalen Praxis der Umbenennung von Atom- und Kohlestrom in Ökoenergie hält an. Der Bund der Energieverbraucher und der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) bemängelten das System, auch der Bundesverband der Verbraucherzentralen äußerte sich skeptisch.

Stromnetz Ausbau© Gina Sanders / Fotolia.com

Berlin (ddp/sm) - Bei dem System versehen deutsche Stromkonzerne ihren Atom- oder Kohlestrom mit im Ausland erworbenen Ökostromzertifikaten und verkaufen ihn als umweltfreundliche Energie. Bereits am Wochenende war die Umetikettierung von Strom mit Hilfe des europäischen "Renewable Energy Certificate System" (RECS) bemängelt worden.

"Aus meiner Sicht ist das System nicht sinnvoll", sagte der Vorsitzende Aribert Peters am Montag den ddp/Dow Jones Wirtschaftsnachrichten. "Das System ist eine gängige Praxis und leider nur schwer kontrollierbar", bemängelte er. Verbraucher sollten daher die Ökostromversprechen vieler Anbieter kritisch sehen, riet er. Ob die Mehrkosten wirklich in den Ausbau erneuerbarer Energien flössen, sei vielfach fraglich. Zudem zahlten die Verbraucher bereits über das Erneuerbare-Energien-Gesetz einen Obolus für den Ausbau umweltfreundlicher Stromerzeugung.

Auch der BEE lehnt die Praxis großer Energiekonzerne ab, ihren Atom- und Kohlestrom mit Hilfe Erneuerbarer-Energien-Zertifikate umzudeklarieren. Die Praxis sei lange bekannt. "Hier werden Stromkunden hinters Licht geführt. Längst nicht überall, wo Ökostrom draufsteht, ist Ökostrom drin", sagte BEE-Präsident Johannes Lackmann. Er forderte die Verbraucher auf, nur mit Anbietern Verträge zu schließen, die nachweisen können, dass deren Einnahmen tatsächlich für den Bau neuer Wind-, Wasser- oder Bioenergiekraftwerke eingesetzt werden. Dies sei beispielsweise beim "GrünerStromLabel" der Fall.

Auch Holger Krawinkel, Energieexperte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen, sieht das System skeptisch. Der Nachteil sei, dass die Nachfrage nach Ökostrom dadurch nicht erhöht werde, was sich der Verbraucher allerdings durch seinen Zahlungsfluss erhoffe, erläuterte er. Grundsätzlich betrachtet sei das System allerdings nicht verwerflich, da die Gesamtmenge an Ökostrom gleichbleibe.

RECS-Chef weist kritik zurück

Der Vorsitzende des RECS-Handelssystem, Stefan Zisler, wies die Kritik zurück. Der Vorwurf, die Umwidmung von herkömmlichem Strom zu grüner Energie sei Mogelei, treffe nicht zu, sagte er der "Berliner Zeitung" (Dienstagausgabe). Auch sei es nicht eigentliches Ziel der Zertifizierung, den Bau neuer Wind- oder Wasserkraftanlagen direkt zu fördern. Allerdings könne dies eine Folge der Marktentwicklung sein, da die Preise für Ökostrom steigen und Investitionen in diese Art der Energiegewinnung attraktiver machen.

Bei dem RECS-System kaufen beispielsweise deutsche Stromkonzerne im Ausland Ökostrom ein und erwerben für diese Strommenge auch entsprechende Ökozertifikate. Gleichzeitig verkaufen sie konventionellen Strom an den ausländischen Anbieter. Da ein physikalischer Austausch des Stroms ausbleibt, erhält der deutsche Versorger letztlich lediglich die Ökozertifikate, mit denen er seinen Atom- oder Kohlestrom umdeklarieren und als Ökostrom verkaufen kann. Da der Stromhandel inzwischen sehr komplex ist, lassen sich die Ökozertifikate auch ohne Bindung an eine konkrete Stromlieferung direkt kaufen oder verkaufen. Mitglieder des Systems sind Energiekonzerne, wie E.ON, RWE und Vattenfall.