Langfristiges Denken angemahnt

VDEW-Jahresbericht 2002: Klare energiepolitische Konzepte gefordert

Der Verband der Elektrizitiätswirtschaft sieht Kraftwerke und Stromnetze als wesentliche Standortfaktoren für die gesamte Volkswirtschaft an. Aufgrund dessen seien aus Sicht das VDEW klare und verlässliche politische Rahmenbedingungen vom Staat zu fordern. Immerhin kalkulierten die Unternehmen in Zeiträumen von 30 bis 40 Jahren, hieß es.

Stromnetz Ausbau© Gina Sanders / Fotolia.com

Zu Beginn des sechsten Wettbewerbsjahrs im Strommarkt stehen Politik und Wirtschaft vor entscheidenden Weichenstellungen für eine weiterhin zuverlässige Energieversorgung. Das erklärte Werner Brinker, Präsident des Verbandes der Elektrizitätswirtschaft (VDEW), Berlin, bei der Präsentation der Branchenbilanz 2002.

Kraftwerke und Stromnetze seien wichtige Standortfaktoren. Das gelte für die 44 Millionen Stromkunden ebenso wie für die gesamte Volkswirtschaft. Brinker, der der Elektrizitätswirtschaft eine Schlüsselrolle für den Standort Deutschland zuweist, mahnte erneut ein langfristig angelegtes energiepolitisches Konzept an. Dies müsse an den grundlegenden Zielen Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit, Umweltverträglichkeit sowie soziale Ausgewogenheit ausgerichtet sein. "Diese Ziele sind gleichrangig", betonte der VDEW-Präsident. Der Staat und insbesondere die Umweltpolitiker erlägen allerdings immer wieder der Versuchung, einzelnen politischen Zielen Vorrang zu geben.

"Die Strombranche braucht jetzt schnellstens klare und verlässliche politische Rahmenbedingungen, um im Wettbewerbsmarkt in Kraftwerke und Netze zu investieren", erläuterte Brinker. In der kapitalintensiven Stromwirtschaft kalkulierten die Unternehmen in Zeiträumen von 30 bis 40 Jahren.

Harter Wettbewerb im Strommarkt

Der harte Wettbewerb im deutschen Strommarkt bewirke laut VDEW weiterhin starken Kostendruck. Die Rationalisierung bleibe permanente Aufgabe für die Branche, die sich 2002 als "Jahr der Konsolidierung" erhofft: Die Zahl der Beschäftigten blieb 2002 mit 131.000 erstmals stabil. "Im Vergleich zum Beginn der Marktöffnung wurden seit 1997 aber mehr als 40.000 Arbeitsplätze abgebaut oder ausgelagert", erklärte der VDEW. Der Branchenumsatz, ebenfalls seit Jahren auf Talfahrt, wuchs 2002 um zwei Prozent auf 54 Milliarden Euro, heißt es im VDEW-Jahresbericht. 1997 habe der Wert noch rund 63 Milliarden Euro betragen. Brinker: "Dieser Umsatzrückgang spiegelt die starken Strompreissenkungen im Wettbewerb."

Standortpolitik nach Vorgaben aus Brüssel

Die Politik für den Standort Deutschland müsse, so Brinker, immer stärker die Vorgaben aus Brüssel berücksichtigen. Messlatte aller Regelungen sei das, was unter dem Strich für den Verbraucher dabei herauskomme.

Der schnelle und durchschlagende Erfolg des Wettbewerbs im deutschen Strommarkt basiere auf dem System des verhandelten Zugangs zu den Stromnetzen. Die von der Europäischen Union ab Mitte 2004 verlangten staatlichen Regelungen machten keine detaillierte Aufsicht mit Einzelfallentscheidungen nötig. "Das würde in Deutschland mit seinen 900 Stromunternehmen nur hohe Kosten und unnötigen administrativen Aufwand bedeuten", erklärte Brinker. "Der deutsche Strommarkt braucht effiziente Wettbewerbsregeln und keine Über-Regulierung."

Der VDEW-Präsident wertete die geplante volle Öffnung aller Strommärkte in der EU als großen Fortschritt auf dem Weg zu mehr Chancengleichheit: Anfang 2003 hatten erst sieben der 15 EU-Länder ihre Strommärkte so vollständig geöffnet wie Deutschland. Ab Mitte 2004 sollen nach den EU-Plänen in allen Mitgliedsländern die Gewerbekunden und spätestens 2007 alle Haushalte ihre Stromanbieter frei wählen können. Auch vor diesem Hintergrund, so der VDEW-Präsident, könnten sich die Wettbewerbserfolge im deutschen Strommarkt und die Leistungen der Stromwirtschaft sehen lassen.