Versorgungssicherheit

Trotz Hitzeabschaltung: Atomkraft bleibt weiter in der Diskussion

Die anhaltende Hitze treibt Deutschlands Strompreise in die Höhe, da die Atomkraftwerke aufgrund mangelndem Kühlwasser ihre Kapazitäten reduzieren müssen. Klimaforscher prognostizieren zunehmende Hitzeperioden in den nächsten Jahren. Ein Argument pro oder contra Atomkraft?!

Netzausbau© Günter Menzl / Fotolia.com

Berlin (ddp/sm) - Der Ruf aus der Industrie nach einer Abkehr vom bislang geplanten Atomausstieg wird lauter. BDI-Präsident Jürgen Thumann mahnte heute in einem ddp-Interview, notwendig seien längere Laufzeiten der Kernkraftwerke. Die Union müsse in dieser Frage ihre Überzeugungsarbeit gegenüber dem Koalitionspartner SPD verstärken. Gleichzeitig warnte der Chef des Windkraft-Unternehmens Repower, Fritz Vahrenholt, vor einer Abwanderung energieintensiver Industrien im Fall eines Atomausstiegs.

Thumann betonte: "Auf die global wachsende Energienachfrage müssen wir mit einem möglichst breiten Energiemix reagieren, der alle Optionen offen hält." Deutschland könne es sich "nicht leisten, auf einzelne Technologien und Energieträger zu verzichten". Der BDI-Präsident mahnte: "Eine sichere, zuverlässige, umweltschonende und preiswerte Stromversorgung in Deutschland ist ohne die Kernenergie auf absehbare Zeit nicht denkbar."

Zu der Warnung von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) vor den Gefahren der Radioaktivität sagte Thumann: "Jede Energieart hat ihre Chancen und Risiken. Deshalb plädieren wir für einen ausgewogenen Energiemix, damit spezifische Risiken nicht überhand nehmen können." Zudem habe eine verringerte Abhängigkeit von Energieimporten positive Auswirkungen auf Strompreise, Produktion und Beschäftigung.

Vahrenholt sagte voraus, den Ausstieg aus der Kernenergie werde Deutschland mit einem Exodus der energieintensiven Industrie bezahlen: "Der industrielle Kern wird abschmelzen." Grund dafür sei, dass trotz des rasanten Wachstums der erneuerbaren Energien der Wegfall des Atomstroms nicht ohne Weiteres kompensiert werden könne. So unterliege die Windenergie wetterbedingten Schwankungen und tauge deshalb noch nicht als Ersatz für grundlastfähigen Atomstrom.

Der SPD-Umweltexperte Marco Bülow hingegen sagte, die Hitze werde "zum K.o." für die Atomkraft. Wegen der hohen Temperaturen müssten nämlich bereits die ersten Kraftwerke ihre Leistungen drosseln. Wenn sich das Wetter nicht ändere, drohe die Abschaltung. "Um die Atomkraftwerke im Betrieb zu halten, sind riesige Mengen von Wasser zur Kühlung notwendig. Wenn aber das kühlende Wasser selbst 26 Grad erreicht, dann muss der Kraftwerksbetrieb eingestellt werden", erläuterte Bülow.

Der umweltpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion warnte, Atomkraftwerke gefährdeten deshalb zunehmend die Energieversorgungssicherheit. Er betonte: "Wenn man nicht riskieren will, dass die Stromversorgung zusammenbricht, sollte der Anteil der Atomkraft am Energiemix so klein wie möglich sein." Auch der energiepolitische Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen Hans-Josef Fell brach eine Lanze für Sonnenstrom: "Der Ausbau der Solarenergie muss weiter beschleunigt werden, da sich das Kühlproblem der großen Atom- und Kohlekraftwerke verschärfen wird."

Der Geschäftsführer des Bundesverbandes Erneuerbare Energie (BEE), Milan Nitzschke, verwies auf Prognosen von Klimaforschern, denen zufolge immer häufigere Hitzewellen drohten. Er fügte hinzu: "Konventionelle Großkraftwerke, die auf Kühlwasser angewiesen sind, stellen dann extrem unsichere Stromlieferanten dar." Die Leiterin Verbraucherschutz und Recht der Deutschen Umwelthilfe (DUH), Cornelia Ziehm, sagte: "Dieser Sommer zeigt erneut: Atomstrom ist weder sicher noch unbegrenzt verfügbar, weder billig noch umweltschonend."

Der Präsident des Deutschen Naturschutzrings (DNR), Hubert Weinzierl, forderte einen radikalen Kurswechsel der deutschen Energiepolitik. Nur eine Kombination aus mehr Energieeffizienz und mehr erneuerbaren Energien gewährleiste eine langfristig sichere, umweltverträgliche und kostengünstige Energieversorgung, "die guten Gewissens auf Atomstrom verzichten kann", so Weinzierl.

Der Grünen-Vorsitzende Reinhard Bütikofer bewertete die jüngsten Vorstöße aus der Union und der Industrie für die Kernenergie unterdessem als "ideologischen Theaterdonner". Bütikofer sagte am Donnerstag der Nachrichtenagentur ddp in Berlin, die SPD sei wohl "klug genug", um zum beschlossenen Atomausstieg zu stehen. Er fügte hinzu: "Der Glaubwürdigkeitsverlust, den sie ansonsten erleiden würde, wäre dramatisch."

Der Preis für Strom aus konventionellen Kraftwerken in Deutschland ist innerhalb weniger Tage um 600 Prozent gestiegen. Während Solaranlagen im Sommer auf Hochtouren arbeiten, müssen wassergekühlte Großkraftwerke ihre Stromproduktion wegen der Hitze drosseln und sorgen damit für massiv steigende Preise. Für den Strom aus Uran und Kohle mussten heute an der Strombörse im Schnitt 30,2 Cent pro Kilowattstunde gezahlt werden, während der Tagesstunden sogar über 54 Cent. Zum Vergleich: Der deutsche Mix aus erneuerbaren Energien wie Wind, Biogas oder Solar wird den Verbrauchern aktuell mit etwa 11 Cent pro Kilowattstunde zur Verfügung gestellt.