Kritik wächst

Trauernicht: Vorwürfe wegen Informationspolitk zu Krümmel

Rund eine Woche nach den AKW-Störfällen geraten Schleswig-Holsteins Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) und Betreiber Vattenfall Europe immer mehr unter Druck. Trauernicht selbst wies vor dem Sozialausschuss des Landtages Vertuschungsvorwürfe zurück und machte Vattenfall ihrerseits schwere Vorwürfe.

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Kiel (ddp/sm) - Die Sozialministerin rechtfertigte ihre Informationspolitik damit, dass sie angesichts negativer Erfahrungen mit Vattenfall keine ungeprüften Informationen habe weitergeben wollen. Das Ministerium habe von dem Unternehmen am Freitag "lediglich Stichworte" über die Störungen bei der Abschaltung bekommen, sagte Trauernicht. Als am Dienstag Einschätzungen durch Gutachter vorgelegen hätten, habe ihr Ministerium noch am selben Tag die Öffentlichkeit informiert. Wenn es Hinweise gegeben hätte, dass die Sicherheit der Bevölkerung gefährdet gewesen wäre, hätte sie diese auch ungeprüft weitergegeben.

Vattenfall sei seit dem Zeitpunkt der Vorfälle nicht präsent gewesen, sagte Trauernicht am Donnerstag vor dem Sozialausschuss des Kieler Landtags. Sie fügte hinzu: "Ich bin nicht das Öffentlichkeitsreferat dieses Weltunternehmens."

Trauernicht kündigte an, die ohnehin für August geplante Jahresrevision des AKW Krümmel vorzuziehen. Außerdem wolle sie mit dem Betreiber über die notwendige Form der Informationspolitik sprechen. Der Reaktor selbst gehe erst nach Klärung aller Sicherheitsfragen wieder ans Netz. Notfalls behalte sie sich weiterhin atomrechtliche Anordnungen vor.

Vattenfall-Geschäftsführer Bruno Thomauske zeigte sich erstaunt über die Äußerungen Trauernichts zur Informationspolitik des Unternehmens. Vattenfall habe von Anfang an eine aktive und offene Kommunikation zu den Zwischenfällen in Krümmel betrieben, sagte Thomauske. Die erste schriftliche Zusammenfassung der Ereignisse sei dem Ministerium am Donnerstagabend um 21.18 Uhr per Fax zugegangen.

Scharfe Kritik von FDP und Umweltschützern

Der stellvertretende FDP-Landtagsfraktionschef Heiner Garg warf Trauernicht eine "Salamitaktik" vor. Es sei "ungeheuerlich und unverantwortlich, dass die Ministerin die ganze Wahrheit der Öffentlichkeit fünf Tage lang verschwieg", betonte Garg. Er bezweifle, ob Trauernicht "selbst noch die nötige Zuverlässigkeit aufbringen kann, um weiterhin die oberste Aufsicht über die Sicherheit an den schleswig-holsteinischen Kernkraftwerken auszuüben".

Greenpeace-Atomkraftexperte Thomas Breuer kritisierte, das Ministerium hätte schneller auf umfassende Information drängen müssen. Stattdessen sei die Aufsichtbehörde "dem Betreiber Vattenfall zur Seite gesprungen, um die Bevölkerung zu beschwichtigen". So sei behauptet worden, es habe in Krümmel nur einen Brand gegeben. In Wirklichkeit habe es sich aber auch um Probleme im Nuklearbereich gehandelt.

Falls der Betreiber nur tröpfchenweise Informationen geliefert habe, stelle sich laut Breuer eine weitere Frage: Wie könne dann ein Sprecher noch am selben Tag behaupten, dass keine Gefahr für die Bevölkerung bestehe?

Unterdessen berichtete der "Tagesspiegel" unter Hinweis auf die der Zeitung vorliegende Ereignismeldung von einem dramatischen Druckabfall in Krümmel. Demnach sei bei der Schnellabschaltung eine Wasserpumpe des Speisewasserkreislaufs nach vier Sekunden ausgefallen. Nach der Öffnung zweier Sicherheitsventile sei der Druck im Reaktorkern von 65 auf 20 bar abgestürzt und der Wasserfüllstand im Siedewasserreaktor auf unter 11,6 Meter gesunken. Er habe deshalb durch ein Sicherheitssystem wieder auf 14,07 Meter aufgefüllt werden müssen.

Trauernicht spricht mit Vattenfall über Informationspolitik

Heute haben sich Trauernicht und Thomauske in Kiel zu einem Gespräch getroffen. Die Ministerin habe in dem zweistündigen Gespräch darauf gedrungen, dass "der Betreiber in der Pflicht ist, die Öffentlichkeit schnell und umfassend über wichtige Ereignisse zu informieren". Das Unternehmen verfüge "über die ersten und aktuellsten Informationen".

Nach Angaben des Sozialministeriums gab es Probleme bei der Datensicherung im Zuge der Schnellabschaltung des AKW Krümmel nach dem Trafo-Brand am Donnerstag vergangener Woche. Offenbar wurden dabei nicht alle Daten gespeichert. Außerdem soll die Eigenstrom-Versorgung des Atommeilers kurzfristig ausgefallen sein. Daneben sollen infolge des Trafobrandes Rauchgase in die Warte des Kraftwerks eingedrungen sein. Vattenfall will heute Nachmittag in einer Pressekonferenz über eine Ablaufanalyse der Zwischenfälle informieren.