Richtungsweisen

Töpfer und Böll-Stiftung plädieren für "Zukunft ohne Kernenergie"

Sowohl der Direktor des UN-Umweltprogramms Klaus Töpfer als auch die Heinrich Böll Stiftung plädieren dafür, den Ausstieg aus der Atomenergie wie von der rot-grünen Bundesregierung im Jahr 2000 beschlossen fortzuführen. Die vorgebrachten Gründe für eine Verlängerung seien nur vorgeschoben.

Stromzähler© Gina Sanders / Fotolia.com

Hamburg (red) - Der scheidende Direktor des UN-Umweltprogramms, Klaus Töpfer (CDU), äußert sich kritisch zur weltweiten Nutzung der Atomenergie. "Die gegenwärtig Strom produzierenden Kernkraftwerke in einem vereinbarten Zeitplan abzuschalten halte ich für sehr sinnvoll", erklärt Töpfer in der ZEIT.

Erneut plädiert er für eine "Zukunft ohne Kernenergie". Wenn aber, wie in vielen Ländern der Welt, Nukleartechnik genutzt werde, "dann wenigstens solche Kraftwerke, die technologische Barrieren gegen das Proliferationsrisiko bewirken, die inhärente Sicherheit und bessere Entsorgungseigenschaften aufweisen". 80 Prozent aller weltweiten Umwelt- und Entwicklungsprobleme hingen von Energiefragen ab, erklärt Töpfer, das Spannungspotenzial sei "immens". Um Ressourcenkonflikte zu verhindern, müssten sich "unsere Konsummuster definitiv verändern".

Zu dem gleichen Schluss kommt eine Analyse, die das Öko-Institut für die Heinrich Böll Stiftung erstellt hat. Darin heißt es u.a., die von etwa Unionspolitikern vorgebrachten Gründe für eine Verlängerung der Reaktorlaufzeiten seien vorgeschoben. Weder würde die Strompreisentwicklung gedämpft, noch sind Entlastungseffekte beim Klimaschutz zu erwarten. Für eine forcierte Energieforschung oder Entwicklung erneuerbarer Energien sei die Laufzeitverlängerung sogar kontraproduktiv. Stattdessen würde eine Laufzeitverlängerung um acht oder gar 15 Jahre den notwendigen klimagerechten Erneuerungsprozess des deutschen Kraftwerksparks behindern und letztlich den Bau neuer Atomkraftwerke vorbereiten.

"Diese Untersuchung belegt im Detail, wie die Öffentlichkeit bei der Debatte um Laufzeitverlängerungen hinters Licht geführt wird. Man spielt mit den Sorgen der Bevölkerung wegen der steigenden Energiepreise und des Treibhauseffekts. Tatsächlich geht es darum, den seit dem Desaster von Tschernobyl von einer stabilen Bevölkerungsmehrheit gewollten Atomausstieg aufzuhalten und letztlich umzukehren", sagte Ralf Fücks, Vorstand der Heinrich Böll Stiftung. Dabei sei der Ausstieg aus der zivilen Nutzung der Atomkraft angesichts des wachsenden Risikos eines atomaren Rüstungswettlaufs umso dringlicher geworden.

Felix Chr. Matthes, der Koordinator des Bereichs Energie & Klimaschutz des Öko-Instituts und Hauptautor der Analyse "Laufzeitverlängerungen für Kernkraftwerke" erklärte, durch der Verlängerung der Laufzeiten würden die heute schon dominierenden Energiekonzerne E.ON, RWE, Vattenfall Europe und EnBW mit Zusatzerträgen in zweistelliger Milliardenhöhe weiter gestärkt. Pro Kraftwerksblock und Jahr würden die AKW-Betreiber im Mittel Zusatzgewinne von etwa 300 Millionen Euro einfahren.

Die auf die deutsche Debatte gerichtete Analyse des Öko-Instituts ergänzt die von der Stiftung herausgegebene Studie "Mythos Atomkraft. Ein Wegweiser", die sich mit der internationalen Entwicklung befasst. In dieser Untersuchung unterziehen internationale Experten, die Autoren des Öko-Instituts und die Deutsche Umwelthilfe e.V. (DUH) die Argumente pro und contra Kernenergie einer umfassenden Neubewertung.