Experimentieranlage

Tiefensee ermuntert Wirtschaft zum Einstieg in die Fusionsforschung

Die deutschen Energiekonzerne sollten nach Ansicht des Sonderbeauftragten der Bundesregierung für die neuen Bundesländer, Wolfgang Tiefensee (SPD), stärker in die Kernfusionsforschung eingebunden werden. Bei einem Fusionsforschungsprojekt soll die Nutzung der Kernfusion, wie sie auch in der Sonne stattfindet, zur Energiegewinnung erkundet werden.

Strompreise© Gina Sanders / Fotolia.com

Greifswald (ddp-nrd/sm) - Durch die Bündelung öffentlicher und privater finanzieller Mittel in dieser Zukunftstechnologie könnte der Durchbruch bei der Entwicklung industriemäßiger Fusionskraftwerke beschleunigt und das weltweite Energieproblem möglicherweise eher als vorgesehen gelöst werden, sagte der Minister heute während eines Besuchs des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik in Greifswald.

Je weniger sich die Wirtschaft auf herkömmliche Atomkraftwerke konzentriere, die auf der umstrittenen Kernspaltung basieren, desto mehr würden Mittel frei für Forschungsprojekte zur Kernfusion und zur Speicherung von Kohlendioxid, fügte Tiefensee hinzu. In Greifswald entsteht derzeit das Fusionsforschungsprojekt "Wendelstein 7-X". Das rund 423 Millionen Euro kostende Vorhaben wird zu 60 Prozent vom Bund, zu 33 Prozent von der EU und zu 7 Prozent vom Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert und soll im Mai 2014 fertiggestellt sein.

Nach Angaben des wissenschaftlichen Direktors Thomas Klinger könnten mit privaten Investitionen zusätzliche Forschungsprojekte parallel vorangetrieben und zeitlicher Vorlauf geschaffen werden. So gebe es derzeit Entwicklungsbedarf für einen Linearbeschleuniger, mit dem Neutronen erzeugt und künftige Materialien auf ihre Eignung in Fusionskraftwerken getestet werden könnten. Für die rund 500 Millionen Euro teure Anlage fehle gegenwärtig das Geld.

Tiefensee hatte sich unter anderem in den Montage- und Experimentierhallen über den Fortgang der Aufbauarbeiten des derzeit größten Forschungsprojekts in Mecklenburg-Vorpommern informiert. Projektleiter Lutz Wegener zufolge wurden inzwischen 28 der insgesamt 70 Spezialmagnetspulen zusammengesetzt. Weitere 25 Spulen, die in Würzburg, Italien und Großbritannien hergestellt wurden, werden derzeit in dem französischen Institut CEA Saclay bei Paris getestet.

Nach sieben Jahren Verzögerung liege die Wendelstein-Montage jetzt im Zeitplan, sagte Wegener. Der eigentliche Forschungsbetrieb könne voraussichtlich 2015 beginnen. Gegenüber früheren Planungen stieg der Investitionsbedarf für Wendelstein um etwa 56 Prozent. Statt der früher vorgesehenen 257 Mitarbeiter sind inzwischen 450 Spezialisten am Institut beschäftigt, darunter 100 zusätzlich eingestellte Ingenieure und Techniker. Darüber hinaus wurden 700.000 Stunden Montageleistungen an Fremdfirmen vergeben. Aufträge im Umfang von 20 Millionen Euro gingen an Firmen in Mecklenburg-Vorpommern.

Mit der computeroptimierten Anlage des in den USA entwickelten Stellerator-Typs sollen unter Laborbedingungen technische Lösungen für ein Fusionsforschungskraftwerk entwickelt werden. Daneben wird derzeit im südfranzösischen Cadarache für rund fünf Milliarden Euro das internationale Fusionsforschungskraftwerk ITER auf Basis des russischen Tokamak-Typs errichtet, das voraussichtlich 2018 in Betrieb geht.