Deutschland als Vorreiter

These: Grüne Energien weisen Weg aus der Finanzkrise

Eine Umstellung der Weltwirtschaft auf Ökostrom ist nach Ansicht des amerikanischen Ökonomen und Publizisten Jeremy Rifkin der einzige mögliche Ausweg aus der Finanz- und Schuldenkrise. "Deutschland ist in der Lage, eine Vorreiterrolle zu spielen", sagte der Autor im dapd-Interview.

Stromzähler© Gina Sanders / Fotolia.com

Berlin (dapd/red) - Erdöl sei begrenzt und werde mit der steigenden Nachfrage einer wachsenden Weltbevölkerung immer teurer - die Abhängigkeit von fossiler Energie bedrohe den Wohlstand, der dadurch hervorgerufene Klimawandel sogar die Grundlage menschlichen Lebens. Die derzeitige Finanzkrise sei nur ein Beleg dafür, dass die alte Wirtschaftsordnung der "zweiten industriellen Revolution", die von Erdöl abhängig sei, nicht mehr trage. Rifkin tritt deshalb für eine "dritte industrielle Revolution" ein.

Die Schuldenkrise in den USA und Europa zeige, dass die Industrieländer in den vergangenen zwei Jahrzehnten von dem Wohlstand gelebt hätten, den sie im Ölzeitalter aufgebaut hätten. Eine Umstellung der Wirtschaft auf Ökostrom könne viele Arbeitsplätze schaffen und sei ohnehin notwendig, um den Klimawandel zu begrenzen.

Ausgangspunkt für die "dritte industrielle Revolution"

Diese grundlegende Umstellung stehe auf fünf Säulen. Dazu zählt Rifkin den Umstieg auf erneuerbare Energien, die Nutzung von Gebäuden zur Energieerzeugung, den Einsatz von Wasserstoff zur Energiespeicherung, ein intelligentes Stromnetz und die Durchsetzung von Elektro- und Brennstoffzellenfahrzeugen. In Deutschland sei die Umstellung in allen fünf Punkten am weitesten fortgeschritten, von hier aus könne die "dritte industrielle Revolution" ihren Anfang nehmen.

Rifkin, der auch Berater der EU-Kommission ist, ruft Europa dazu auf, in der Schuldenkrise zusammenzuhalten. Die Kosten der Euro-Rettung seien nichts im Vergleich zu den Möglichkeiten, die ein gemeinsamer Markt biete. Zusammen mit Nordafrika und dem Nahen Osten könne rund um das Mittelmeer ein gemeinsamer Markt mit einer Milliarde Menschen entstehen. In der Zukunftsvision Rifkins speisen alle Regionen Ökostrom in ein intelligentes Stromnetz ein.

Nicht nur ein Nebeneffekt: Geänderte Machtverhältnisse

Die dezentrale Energieerzeugung könnte nach Vorstellung des Ökonomen dazu führen, dass sich auch die Machtverhältnisse verändern. Anstelle eines hierarchischen Systems, das von oben nach unten organisiert ist, tritt in seiner Vision eine Gesellschaft, in der Macht ausgewogen und auf einer Ebene verteilt ist - wie im Internet, wo gleichrangige Nutzer miteinander vernetzt sind.

Falls die Umstellung der Wirtschaft nicht funktioniere und es bei Reparaturversuchen am bestehenden System bleibe, prophezeit Rifkin ein wirtschaftliches Desaster, das zu einem zivilisatorischen Rückschritt führe. "Es wäre eine langes dunkles Zeitalter."