Flotter Dreier oder Aprilscherz?

Theorie und Praxis: Ab morgen soll Gasanbieterwechsel möglich sein

Theoretisch ist der Wechsel des Gasanbieters ab morgen möglich, zumindest in den Versorgungsgebieten von E.ON in Thüringen und Sachsen-Anhalt, von RWE, Mitgas, Thüga, SpreeGas und Entega. Praktisch gibt es ein Problem: Es gibt momentan keine Alternativen zum bisherigen Versorger. Ein Fehler im System?

Strompreise© Gina Sanders / Fotolia.com

Berlin/Wetzlar (red) - Es war gut gemeint: Quasi als Kompromiss dealte das Bundeskartellamt im Februar mit den Energieversorgern E.ON Thüringer Energie, E.ON Avacon, Thüga, RWE Westfalen-Weser-Ems, Mitgas, SpreeGas und Entega aus, in ihren Versorgungsgebieten den Wechsel des Gasanbieters schon zum 1. April zu ermöglichen. Im Gegenzug ließen die Wettbewerbshüter die wegen der hohen Gaspreise eingeleiteten Missbrauchsverfahren fallen.

Das Problem: Es gibt momentan noch keine Konkurrenz. "Die Voraussetzungen für echten Wettbewerb auf dem Gasmarkt sind nicht gegeben", monierte denn auch in dieser Woche Thorsten Kasper vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) auf Spiegel-Online. Größter Hinderungspunkt ist momentan, dass der neue Anbieter das Gas beim alten Anbieter kaufen muss - die sogenannte "Beistellung", die auch schon in den Anfängen den Strommarktes für wenig konkurrenzfähige Angebote verantwortlich zeichnete. Um wirtschaftlich arbeiten zu können, sind die "neuen" Gasanbieter auf Rabatte der ehemaligen Monopolisten angewiesen und dennoch wird in jedem Fall die Marge unattraktiv bleiben.

"Das Konzept der Beistellungen kann nicht funktionieren, weil die potenziellen Wettbewerber von den Monopolisten weiter abhängig sind. Die alten Gebietsversorger bestimmen hier außerhalb der Kontrolle durch die Regulierungsbehörde, unter welchen Bedingungen neue Anbieter in den Markt eintreten können. Die Beistellungsangebote sind entsprechend ausgestaltet und für den Markteintritt von Newcomern wirtschaftlich nicht tragfähig", kommentierte Robert Busch, Geschäftsführer des Bundesverbands Neuer Energieanbieter (bne).

Unter diesen Bedingungen sei man nicht bereit, in den Markt einzusteigen, teilte dazu beispielsweise die deutsche Tochter des niederländischen Marktführers Nuon in dieser Woche mit. "Es existiert weder ein von allen Marktparteien akzeptiertes Netzzugangsmodell mit verlässlichen und fairen Netznutzungsentgelten, um Endkunden zu versorgen, noch ein liquider Großhandelsmarkt", kritisierte Dr. Thomas Mecke, Vorsitzender der Geschäftsführung von Nuon Deutschland. Das Hauptproblem für neue Anbieter sei, dass sie in Deutschland keine Gasmengen kaufen könnten, weil die etablierte Gasindustrie keine Mengen anbiete. Importiert werden könnten sie aber ebenso nicht, weil die etablierte Gaswirtschaft dies mit dem Verweis auf angeblich fehlende Kapazitäten blockiere, führte Mecke aus.

Ähnlich sieht das die Potsdamer natGas, denn in diesem System hänge ein neuer Anbieter komplett vom Wohlwollen des bisherigen Versorgers ab. Auch von den neuen Netznutzungsentgelte, die zum 1. Oktober im Gastransport gelten sollen, ist der Gasanbieter wenig begeistert, sie würden von Netzbetreiber zu Netzbetreiber starke Unterschiede aufweisen. Vielfach würden auch große Transportportfolios in Summe mit bis zu 100 Prozent höheren Netzkosten belastet. Gesunkene Tarife seien dagegen nur sehr selten festzustellen. Darüber hinaus habe sich die Transportabwicklung für neue Anbieter auf dem deutschen Erdgasmarkt im Zuge des Wechsels auf das Entry-Exit-Modell und die neuen Entgelte erschwert.

Da auch für alle anderen Gaskunden der Anbieterwechsel noch in diesem Jahr realisiert werden soll, wird sich wohl kaum ein neuer Anbieter auf das Übergangs-Beistellungsmodell einlassen. Zwar bestätigte E.ON, dass das entsprechende Anfragsformular auf der Internetseite abgerufen wurde, die Anfragen könnte man allerdings an einer Hand abzählen, hieß es.