Brunsbüttel-Urteil

Terrorschutz für AKW: Nur wenig ist bekannt

Die Sicherheit von Atomanlagen ist ein heikles Thema, doch beim Terrorschutz hüllen sich die Behörden eisern in Schweigen. Nachdem die Genehmigung für das Zwischenlager in Brunsbüttel gekippt wurde, ist die Unsicherheit groß. Was halten die Anlagen aus? Welche Daten sind überhaupt bekannt?

Router© Norman Chan / Fotolia.com

Hamburg (AFP/red) - Für Unruhe sorgt nun ein Urteil des schleswig-holsteinischen Oberverwaltungsgerichts (OVG), das dem Atommüll-Zwischenlager am stilllegten Atomkraftwerk Brunsbüttel unter Verweis auf "Defizite" bei den Sicherheitsprüfungen die Betriebserlaubnis entzog. Was aber ist überhaupt bekannt über die Sicherheit der Atommülllager? Und was hat der Richterspruch für Folgen?

Was für Atommülllager gibt es und wie sind sie gebaut?

Es gibt unterschiedliche Typen von Atommüll-Lagern in Deutschland. In Gorleben in Niedersachsen etwa steht ein zentrales Zwischenlager. An den zwölf deutschen Atomkraftwerksstandorten gibt es dezentrale Zwischenlager, die abgebrannte Brennstäbe aus dem laufenden Betrieb aufnehmen sollen. Das neue OVG-Urteil bezieht sich auf ein solches Zwischenlager.

Bei dem Zwischenlager in Brunsbüttel handelt es sich um eine Halle mit etwa 1,2 Meter dicken Betonwänden. In ihr standen Ende 2012 neun Castor-Behälter, erlaubt wären bis zu 80. Das ergibt sich aus Informationen des für die Genehmigung zuständigen Bundesamts für Strahlenschutz (BfS). Baugleiche Lager gibt es noch an fünf weiteren Akw.

Welche Sicherheitsanforderungen gibt es für Zwischenlager?

Nach Angaben des BfS werden alle Lager dahingehend geprüft, ob sie genügend Schutz gegen "Störmaßnahmen oder sonstige Einwirkungen Dritter" (Abkürzung: SEWD) bieten. Geprüft wird bei einer Genehmigung unter anderem, ob sie den Abstürzen von Verkehrsflugzeugen samt anschließenden Kerosinbränden standhalten. Laut offizieller Aussage würde es dabei nicht zu einer Freisetzung von Radioaktivität in einer das Leben und die Gesundheit gefährdenden Ausmaß kommen können.

Geprüft wird auch die Sicherheit bei Terrorangriffen. Zu den dabei geltenden Vorschriften schweigen sich die Behörden allerdings kategorisch aus. Das BfS und das Bundesumweltministerium sprechen denkbar abstrakt lediglich von "Lastannahmen", die regelmäßig angepasst würden. Aus Sicherheitsgründen seien sämtliche Vorschriften geheime Verschlusssache.

Womit begründeten die Richter im Fall Brunsbüttel ihre Entscheidung?

Sie monieren verschiedene "Defizite" bei der Prüfung der Anlagensicherheit im Rahmen der Genehmigung durch das BfS im Jahr 2003. Dabei spielt nach Angaben des Gerichts anscheinend auch die strenge Geheimhaltung eine Rolle. Einerseits beklagen die Richter, dass bei der Genehmigung keine Szenarien für den Absturz eines Großflugzeugs vom Typ Airbus A380 geprüft wurden. Das BfS erklärte, dieses sei damals noch nicht auf dem Markt gewesen. Die Tests seien im Jahr 2010 aber erfolgt.

Andererseits verwiesen die Richter auf Unklarheiten beim Beschuss der Castoren mit panzerbrechenden Waffen neuer Generationen. "Offensichtlich" sei bei der Genehmigung die Wirkung eines Waffentyps von 1992 zu Grunde gelegt worden, neuere seien aber stärker. Das BfS erklärte, es habe aus Sicherheitsgründen "nicht in der gewünschten Detailtiefe" darlegen können, das das Lager das gesetzlich fixierte Schutzniveau garantiere.

Welche Konsequenzen hat das Urteil des OVG?

Das ist noch unklar. Das Urteil ist nicht rechtskräftig, das BfS kann vor dem Bundesverwaltungsgericht dagegen vorgehen. Die Behörde nannte in einer ersten Reaktion auch eine "Erweiterung bestehender Untersuchungen" als Option. Nach Angaben des für die schleswig-holsteinische Atomaufsicht zuständigen Kieler Umweltministeriums gibt es deshalb zunächst noch keine Konsequenzen für den Weiterbetrieb.

Politisch ist die Entscheidung der Richter allerdings heikel. Sie befördert die Debatte um die Sicherheit von Atomanlagen und hat zudem Rückwirkungen auf die Suche nach einem Konsens in Sachen Atommüll-Endlager. Denn ausgerechnet Brunsbüttel war in den Gesprächen zwischen Bund und Ländern als ein Ausweichstandort für die Castoren mit deutschen Atommüll aus dem Ausland ausgesucht worden, die nicht mehr nach Gorleben gehen sollen. Dafür wäre zwar ohnehin eine eigenständige Genehmigung nötig, aber die Zweifel an Brunsbüttel dürften nun gehörig wachsen.

Quelle: AFP