AKW-Debatte neu angefacht

Studie sieht Krebsgefahr in der Nähe von Kernkraftwerken (Upd.)

Kleinkinder, die in der Nähe von Kernkraftwerken leben, erkranken offenbar häufiger an Krebs. Das geht aus einer Studie im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) hervor. Die Untersuchtung heizt die Debatte über die Risiken der Kernenergie neu an, Gabriel will die Studie überprüfen lassen.

Strompreise© Gina Sanders / Fotolia.com

München/Berlin (ddp/sm) - Der Studie zufolge steigt die Zahl krebskranker Kinder, je näher ihr Wohnort an einem der 16 deutschen Reaktorstandorte liegt. So wurde im Untersuchungszeitraum von 1980 bis 2003 an 16 AKW-Standorten in einem Umkreis von fünf Kilometern um die Reaktoren 77 solcher Erkrankungen festgestellt. Im statistischen Durchschnitt wären den Angaben zufolge 48 Fälle zu erwarten gewesen, womit 29 Fälle allein auf das Wohnen in diesem Umkreis zurückzuführen seien.

Ein externes Expertengremium, das die Studie begleitet hatte, betonte in einer Stellungnahme, statt der von den Autoren der Studie allein für die Fünf-Kilometer-Zone angegebenen zusätzlichen 29 Krebsfälle müsse "von mindestens 121 bis 275 zusätzlichen Neuerkrankungen im Umkreis von 50 Kilometern um alle westdeutschen Atomstandorte" in der Zeit von 1980 bis 2003 ausgegangen werden. Dies entspreche 8 bis 18 Prozent aller in diesem Umkreis um Atomanlagen aufgetretenen Krebserkrankungen von Kindern unter fünf Jahren.

BfS-Präsident Wolfram König sprach sich angesichts des "überraschend eindeutigen Zusammenhangs" zwischen der Häufigkeit der Leukämieerkrankungen und der Nähe des Wohnortes zum AKW für zusätzliche Auswertungen aus. Insbesondere müsse dabei der Bereich jenseits einer Fünf-Kilometer-Zone um die AKW-Standorte stärker als bisher betrachtet werden.

Er betonte zugleich, dass ein "kausaler Zusammenhang zwischen den erhöhten Leukämieerkrankungen und den tatsächlichen radioaktiven Emissionen aus den Reaktoren alleine derzeit nicht nachgewiesen werden" könne. Auch andere mögliche Risikofaktoren, die im Zusammenhang mit Leukämieerkrankungen in Betracht zu ziehen seien, könnten den "entfernungsabhängigen Risikoanstieg nicht erklären".

Mehrfach hatten Wissenschaftler in den vergangenen Jahren das Krebsrisiko in der Umgebung von Kernkraftwerken untersucht. In bisherigen Studien kamen die Forscher aber zu widersprüchlichen Erkenntnissen. Zudem gab es Kritik an der Methodik. Daher habe das BfS Kritiker wie Befürworter der Kernkraft früh in die Planung der neuen Studie miteinbezogen.

Gabriel lässt Studie überprüfen

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) verwies darauf, dass der beobachtete Anstieg der Erkrankungen nach derzeitigem Kenntnisstand nicht durch die Strahlenbelastung aus einem Atomkraftwerk erklärt werden könne. Die Strahlenbelastung der Bevölkerung müsste durch den Betrieb der Atomkraftwerke in Deutschland um mindestens das Tausendfache höher sein, um den beobachteten Anstieg des Krebsrisikos erklären zu können. Er habe daher die Strahlenschutzkommission (SSK) mit einer umfassenden Bewertung der Ergebnisse beauftragt. Sobald die Ergebnisse vorlägen, werde über das weitere Vorgehen entschieden.

Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW kritisierte, offensichtlich seien die deutschen Strahlenschutzgrenzwerte zu hoch angesetzt. Es sei "zu kurz gegriffen", wenn Gabriel diese Grenzwerte als Grundlage für die Aussage nehme, dass ein Zusammenhang zwischen den Atomkraftwerken und den Krebserkrankungen zweifelhaft sei. Nicht die aktuellen Studienergebnisse müssten überprüft werden, sondern die derzeit gültigen Strahlenschutzgrenzwerte.

Grüne und Linke wollen beschleunigten Atomausstieg

Grünen-Energieexperte Hans-Josef Fell kritisierte die "Äußerungen konservativer Wissenschaftler, die festgestellten Kinderkrebsraten seien mit den Erkenntnissen der etablierten Wissenschaft nicht erklärbar". Dies bestätige nur, dass die "überwiegende Zahl der etablierten, meist atomfreundlichen Wissenschaftler" die Gefahren der Kernkraftwerke "maßlos unterschätzt haben und weiter unterschätzen". Laufzeitverlängerungen von Atommeilern seien nicht zu verantworten, da die Kraftwerke für das Leid vieler an Krebs erkrankter Kinder mitverantwortlich seien.

Auch Grünen-Chef Reinhard Bütikofer forderte die "beschleunigte Abschaltung gerade der ältesten Atomkraftwerke". Wer angesichts der Ergebnisse der Studie für einen längeren Betrieb von Atommeilern eintrete, handele verantwortungslos. Links-Fraktionsvize Werner Dreibus betonte, auch "den letzten Befürwortern von Atomkraftwerken sollte jetzt klar sein, dass diese Art der Energiegewinnung mit nicht abschätzbaren Gefahren für die Gesundheit verbunden und letztendlich nicht kontrollierbar" sei.

Der SPD-Fraktionschef im niedersächsischen Landtag, Wolfgang Jüttner, sagte, die Studie sei von einer "entwaffnenden neuen Qualität". Je näher ein Kind an einem Kernkraftwerk wohne, umso größer sei die Gefahr, Leukämie zu bekommen. Man dürfe aber nicht zulassen, "dass überhaupt ein Kind gefährdet wird", fügte der SPD-Spitzenkandidat bei der niedersächsischen Landtagswahl hinzu.

Unions-Fraktionsvize reagiert zurückhaltend auf Studie

Unions-Fraktionsvize Katherina Reiche (CDU) sagte, in der Unions-Fraktion werde man sich die Studie genau ansehen müssen. Sie sei jedoch verwundert über die Botschaft der Untersuchung. So solle die Erkrankungsrate in der Nähe der Atomkraftwerke hoch sein, doch werde darauf hingewiesen, dass dies nicht auf Strahlungswirkungen zurückzuführen sei. "So sehr ich mir Aufklärung über diese Zusammenhänge von der Wissenschaft erhoffe, so sehr kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass die Studie die Antipathien gegen die Kernkraft schüren soll", sagte Reiche.