Studie: Mehrzahl der Unternehmen ist noch nicht ausreichend auf Strombörse LPX vorbereitet

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Die Mehrzahl der Energieversorger und -händler sieht den Energiehandel als entscheidenden Erfolgsfaktor im Wettbewerb, weil er erhebliche Chancen zur Optimierung der wirtschaftlichen Position bietet. Dennoch haben die meisten Unternehmen, die die Teilnahme an einer Strombörse beabsichtigen, bisher die notwendigen Voraussetzungen nicht geschaffen und noch keinen einen eigenen Handelsraum (Trading Floor) aufgebaut. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie "Energiehandel - Aktueller Stand und Entwicklung in Deutschland, Österreich, Schweiz" des internationalen Beratungsunternehmens Arthur Andersen. "Vor dem Hintergrund der für den 14. Juni 2000 geplanten Aufnahme des Spothandels an der Leipziger Strombörse (LPX) ist daher fraglich, inwieweit diese Unternehmen zum jetzigen Zeitpunkt bereits auf einen kurzfristigen Handel eingestellt sind", sagt Hans Günter Wolf, Manager bei Arthur Andersen. Im Januar und Februar 2000 hatte Arthur Andersen rund 80 Unternehmen aus dem Versorgungsumfeld in Deutschland, Österreich und der Schweiz zur aktuellen Marktsituation sowie zu Entwicklungstendenzen im Energiehandel mit Strom und Erdgas befragt.


Hierbei zeigte sich, dass etwa die Hälfte der befragten Unternehmen nach eigenen Angaben bereits Handelsaktivitäten betreibt. Ein weiteres Viertel beabsichtigt den Einstieg in den Energiehandel. "Ein Schwerpunkt der Handelsgeschäfte liegt derzeit aus historischen Gründen noch auf langfristigen bilateralen Verträgen. Wie schnell sich ein liquider Spotmarkt an der LPX entwickelt, hängt unter anderem davon ab, wie schnell die Unternehmen reagieren und sich auf die neue, kurzfristige Form des Handels einstellen können", so Wolf weiter. Bestehende langfristige Bezugsverträge seien hier als ein mögliches Hindernis für die Handelsteilnehmer zu sehen. Als weitere Hemmnisse für einen liquiden Energiehandel nennen die Unternehmen die zum Teil unklare Umsetzung der Netzzugangsregelungen, die Dominanz der großen Unternehmen sowie das Produzentenoligopol bei der Erdgasgewinnung. Des weiteren führen die Unternehmen die vorhandene Unternehmenskultur, den hohen Kapitalbedarf und die schwierige Rekrutierung geeigneter Fachleute als interne Hemmnisse an.


Die Angaben zu Handelsprodukten, zu erwarteten Handelsvolumina und zu den geplanten Instrumenten zeigen, dass bei den meisten Unternehmen, die Energiehandel bereits betreiben oder planen, noch große Unsicherheiten bestehen. Die Begriffsvielfalt bei den Handelsprodukten führt zu Verwirrung, da jeder Marktteilnehmer eigene Definitionen verwenden kann. "Der Start der Strombörsen LPX und EEX wird hier für erhöhte Klarheit und Transparenz sorgen, die Unsicherheit bei den erwarteten Handelsvolumina verringern und die Entwicklung hin zu einem reifen Markt verstärken", so Wolf weiter. Die aktuelle Marktentwicklung zeige, dass eine Reihe neuer Marktteilnehmer, zum Teil aus fremden Branchen, in den beiden Tätigkeitsfeldern Strom und Gas aktiv werden bzw. einen Einstieg planen. Dies werde zu einem verschärften Wettbewerb führen und einen liquiden Energiehandel unterstützen.


Die Studienergebnisse unterstreichen die fortschreitende Entwicklung hin zu einem europäischen Energiemarkt. Dies zeigt sich durch die bestehende oder geplante Teilnahme an ausländischen Börsen und die geographische Ausrichtung der Handelsaktivitäten. Aus dem freien Agieren am Markt ergibt sich erstmals ein nennenswertes unternehmerisches Risiko und damit die Notwendigkeit eines aktiven Risikomanagements. Die Befragungsergebnisse zeigen, dass diese Problematik von den meisten Handelsteilnehmern erkannt wird. Die Vorbereitung und Aufnahme von Handelsaktivitäten stellt die Unternehmen vor beachtliche Herausforderungen. Obwohl der Energiehandel besonders von den Energieversorgungsunternehmen eine kulturelle Neuorientierung und die Überwindung bestehender Paradigmen bedeutet, wollen 80 Prozent ihre Umsetzungsmaßnahmen innerhalb eines Jahres abgeschlossen haben.


Der Handel an der LPX umfasst zunächst den Spotmarkt (Kassamarkt) für physische Stromlieferungen am Folgetag. Allerdings wird die LPX auf diesem Gebiet nicht lange alleine bleiben: Die EEX in Frankfurt plant den Start ihres Spothandels für August. Beide Börsen bereiten zudem einen Terminhandel vor. "Um die sich bietenden Chancen erfolgreich zu ergreifen, haben die neuen Handelsteilnehmer, das zeigt die Studie, noch eine Reihe von Hausaufgaben zu erledigen", sagt Wolf.