Analyse

Studie bescheinigt künftigen Fusionskraftwerken hohe Sicherheit

Künftige Fusionskraftwerke werden nach Ansicht von Wissenschaftlern deutlich sicherer zu betreiben sein als Atomkraftwerke der Gegenwart. Nach einer von europäischen Forschern erstellten Studie sind katastrophale Unfälle in Kernfusionsanlagen unmöglich.

Stromtarife© Andre Bonn / Fotolia.com

Greifswald/München (ddp-nrd/sm) - Noch ist alles nur Zukunftsmusik. Die Gewinnung von Energie, wie sie auch auf der Sonne entsteht, gilt als eines der ehrgeizigsten Forschungsziele der Menschheit. Doch die Pläne der Plasmaphysiker in aller Welt nehmen Gestalt an.

In Greifswald haben Experten inzwischen das Plasmagefäß für das 300 Millionen Euro teure deutsche Fusionsforschungsexperiment "Wendelstein 7-X" montiert. Es gilt als Laborvariante für das erste Demonstrationskraftwerk, das die Staatengemeinschaft im südfranzösischen Cardarache errichten will. Die rund 4,6 Milliarden Euro kostende Anlage mit dem Namen ITER (Latein: Der Weg) soll voraussichtlich in 20 Jahren durch Kernfusion Strom produzieren.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass die ersten kommerziellen Fusionskraftwerke ab der Jahrhundertmitte ans Netz gehen werden. Doch wie sicher werden diese Anlagen sein? Während Atomkraftgegner vor unkalkulierbaren Gefahren bei der Stromerzeugung durch die Verschmelzung von Atomkernen in 100 Millionen Grad heißen Plasmen warnen, sprechen Befürworter von einer gänzlich sicheren Technologie ohne radioaktive Risiken wie bei konventionellen Atomkraftwerken der Gegenwart, die auf der Basis der Kernspaltung arbeiten.

Jetzt haben erstmals europäische Wissenschaftler eine Kraftwerksstudie (European Fusion Power Plant Conceptual Study) über die zu erwartenden ökologischen und ökonomischen Eigenschaften von Fusionsanlagen vorgelegt. Unter Leitung des französischen Physikers David Maisonnier analysierten fast 100 Experten aus ganz Europa mögliche Kraftwerksprojekte. Ihr Fazit: Nach aktuellem Wissensstand sind katastrophale Unfälle in einem Fusionskraftwerk unmöglich. "Bei unseren Untersuchungen gingen wir von vier, technisch unterschiedlich weit ausgereiften Kraftwerksmodellen mit einer elektrischen Leistung von 1500 Megawatt aus", sagt der Münchener Plasmaphysiker Karl Lackner.

Während die Anlagen A und B, verglichen mit ITER, am wenigsten weit in die Zukunft reichten, unterstellten die Forscher für die visionären Projekte C und D schon deutlich größere Fortschritte in der Plasmaphysik. Der größte anzunehmende Unfall, so die Studie, könnte eintreten, wenn die Kühlung schlagartig komplett ausfällt. In diesem Fall würde der Brennvorgang sofort zum Erlöschen kommen. Die Nachwärme, sind sich die Forscher einig, würde nicht ausreichen, die Sicherheitshülle zu zerstören. Und selbst wenn radioaktives Tritium und energiereiche Neutronen austreten würden, dann lägen die Werte unter jener Dosis, ab der eine Evakuierung der Bevölkerung in Kraftwerksnähe notwendig wäre.

Auch die Abfallprobleme wären minimal, verglichen mit heutigen KKW. Denn binnen 100 Jahren sinkt die Radioaktivität des aktivierten Materials auf ein Zehntausendstel des Ausgangswertes. Zudem könnte die Hälfte des Materials wieder verwendet werden, so dass eine Endlagerung begrenzt bliebe. Bestnoten geben die Experten den Anlagen auch hinsichtlich ihrer Kosten. So würden auch die noch aufwändigen Kraftwerkstypen A und B mit Stromproduktionskosten von fünf bis zehn Cent je Kilowattstunde jenen Werten von umweltfreundlichen Energietechniken entsprechen.

Von ddp-Korrespondent Ralph Sommer