Risiken

Studie: Atommeiler sind völlig unterversichert

Bekannt ist die Versicherungsproblematik unter Experten schon lange, doch seit Fukushima wird vermehrt darüber berichtet: Eine Studie zeigt erneut, dass die Betreiber deutscher Atomkraftwerke ihre Anlagen einer Studie zufolge nur unzureichend versichert haben - und das auch kaum ändern könnten.

Strompreise© Gina Sanders / Fotolia.com

Berlin/Oldenburg (dapd/afp/red) - Müssten die Betreiber das volle Risiko für mögliche Schäden tragen, könnte sich der Energiepreis für Atomstrom um bis zu 67,30 Euro je Kilowattstunde erhöhen. Das ergab eine Untersuchung der Versicherungsforen Leipzig GmbH im Auftrag des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE).

Laut Studie halten die Inhaber der AKW 2,5 Milliarden Euro für mögliche Entschädigungsleistungen vor. Zusätzlich stünden ihnen bis zu 300 Millionen Euro an öffentlichen Mitteln der EU zur Verfügung. Das reiche "nur für einen kleinen Teil der zu erbringenden Entschädigungszahlungen bei Auftreten eines nuklearen Katastrophenfalls aus", heißt es in der Untersuchung mit dem Titel "Berechnung einer risikoadäquaten Versicherungsprämie zur Deckung der Haftpflichtrisiken, die aus dem Betrieb von Kernkraftwerken resultieren".

Bis zu 67 Euro pro Stunde Atomstrom

Das tatsächliche Schadenrisiko belaufe sich auf über 6.090 Milliarden Euro. Müssten die Inhaber von AKW dieses Risiko tatsächlich tragen, würden die Prämien für die Versicherung teurer. Dadurch müsste der Energiepreis für Atomstrom für die Verbraucher zwischen 13 Cent und 67,30 Euro pro Kilowattstunde angehoben werden - je nachdem, wie lange die Versicherung noch gezahlt werden muss.

Kürzlich hatte bereits der Versicherungsmathematiker Dietmar Pfeifer von der Universität Oldenburg der Nachrichtenagentur AFP Ähnliches gesagt: "Atomkraftwerke lassen sich nicht gegen Unfälle versichern", so Pfeifer. Die Summen wären so "astronomisch hoch, dass sie keiner bezahlen kann." Bei einem Atomunfall würde damit letztlich der Staat für die Schäden aufkommen müssen.

Dazu kommt laut Pfeifer, dass eine sogenannte Anfangsreserve für den Fall eines GAU in den ersten Jahren nach Versicherungsabschluss gebildet werden müsste. Das bedeute für jedes Atomkraftwerk Einmalzahlungen im mindestens zweistelligen Milliardenbereich. "Außerdem wird es Sicherheitszuschläge von bis zu 100 Prozent geben müssen", sagt der Versicherungsmathematiker. Der Grund dafür sei, dass es durch die geringe Zahl der Betreiber keinen "Ausgleich im Kollektiv" gebe. Bei Lebens- und Krankenversicherungen etwa werde ein Versicherungsfall durch die hohe Zahl der Verträge technisch auf die entsprechende Altersgruppe im Bestand umgelegt.

Atomenergie müsste eigentlich 15-20 Euro pro kWh kosten

Wäre für die Kraftwerksbetreiber ein vollständiger Versicherungsschutz vorgeschrieben, würde nach Ansicht Pfeifers der Preis für Atomstrom drastisch steigen. Wenn die Versicherungszahlungen wie üblich auf die Kunden umgelegt würden, müsste eine Kilowattstunde Atomstrom 15 bis 20 Euro kosten, sagt der Mathematiker. "Damit wäre Atomstrom 50 Mal teurer als heute."