Staatliche Vergünstigungen

Strompreise: Atomstrom ist doch nicht so billig

Atomstrom ist billiger als z.B. Strom aus erneuerbaren Energien und ein frühzeitiger Atomausstieg wird steigende Strompreise zur Folge haben, so die Argumentation der AKW-Betreiber. Doch das Atomstrom gar nicht so billig ist, zeigt eine aktuelle Studie, denn die Atombranche erhält seit Jahrzehnten Vergünstigungen - auf Kosten der Steuerzahler.

Netzausbau© Thomas Aumann / Fotolia.com

Berlin (afp/red) - Im Streit um die Verlängerung der AKW-Laufzeiten hebt die Energie-Industrie regelmäßig hervor, dass Strom aus Atomkraft billiger zu produzieren sei als etwa aus erneuerbaren Energien. Auf kostengünstige Kohle- und Atomenergie könne bis auf Weiteres nicht verzichtet werden, wenn Strom für alle bezahlbar bleiben solle, hieß es in dem am Wochenende veröffentlichten energiepolitischen Appell ranghoher Wirtschaftsführer. Umweltverbände halten dem entgegen, dass die Atomindustrie seit Jahrzehnten durch direkte und indirekte Subventionen vom Staat gefördert wird.

Atomstrom koste nur 1 Cent pro kWh

Strom aus Atomkraftwerken ist besonders günstig: Nach Angaben der Agentur für Erneuerbare Energien kann eine Kilowattstunde (kWh) Strom in einem alten, als Investition bereits abgeschriebenen Kraftwerk für etwa einen Cent produziert werden. Bei Strom aus Erdöl hingegen schlagen die sogenannten Stromgestehungskosten mit etwa 15 Cent pro kWh zu Buche. Bei Windenergieanlagen liegt dieser Betrag etwa halb so hoch.

Unterstützung in Milliarden-Höhe für Atombranche

Doch nicht nur Energielieferanten wie Kohle und Solaranlagen werden hierzulande subventioniert, auch die Atomkraft hat in den vergangenen Jahrzehnten vor allem wegen der umfangreichen staatlichen Unterstützung billigen Strom produzieren können. Nach einer Untersuchung des Forums für Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) im Auftrag der Umweltorganisation Greenpeace aus dem vergangenen Jahr unterstützte der Staat die deutsche Atomindustrie von 1950 bis 2008 - gerechnet in realen Preisen - mit etwa 165 Milliarden Euro und jährlich kommen weitere Milliarden Euro dazu.

Subventionen und andere Vergünstigungen

Was eine Subvention ist, wird von den Umweltorganisationen und den zuständigen Ministerien im Fall der Atomkraft allerdings unterschiedlich interpretiert. Im aktuellen 22. Subventionsbericht des Bundesfinanzministeriums werden keine gesonderten Fördergelder für die Atomindustrie aufgeführt. In einem älteren Subventionsbericht werden laut Greenpeace-Studie für den Zeitraum von 1950 bis 2008 lediglich Fördergelder in Höhe von weniger als 200 Millionen Euro aufgeführt - für die vom Tschernobyl-Atomunfall geschädigte Landwirtschaft.

Hohe Kosten für Atommüll-Lagerung

Unbestritten ist jedoch, dass von den hohen Staatsausgaben für die Nuklearforschung auch die Industrie profitieren konnte. Diese lagen nach der Greenpeace-Studie zwischen 1950 und 2008 bei 41,2 Milliarden Euro. Die Greenpeace-Studie bezieht noch weitere Vergünstigungen der Industrie mit ein: So können Kraftwerksbetreiber etwa die per Gesetz erforderlichen Rückstellungen für Stilllegung und Rückbau eines Meilers selbst verwalten und investieren. Ein zusätzlicher Mitnahmegewinn ergibt sich den Angaben zufolge aus dem Emissionshandel, von dem die CO2-arme Atomindustrie profitiert. Bei den Atommüll-Endlagern beteiligt sich der Staat ebenfalls an den Kosten, etwa bei der Sanierung und Schließung des Endlagers Asse und der Erkundung des geplanten Endlagers Gorleben.

Kosten für AKW-Unfall nicht mitgerechnet

Noch nicht berücksichtigt in der Greenpeace-Studie sind die Kosten im Fall eines großen Atomunfalls (GAU), gegen den die Akw-Betreiber nicht vollständig versichert sind. Würde dieser Posten berücksichtigt, wäre die Kilowattstunde Atomstrom mit schätzungsweise bis zu 2,70 Euro nicht mehr bezahlbar, sagt der Greenpeace-Experte Andree Böhning.