Warnung

Stromausfall: Ursachenforschung noch nicht abgeschlossen

Bei der Suche nach den Ursachen des europaweiten Stromausfalls vom Wochenende warnen Experten vor voreiligen Schlüssen. Es seien zunächst weder Sicherheitsmängel in den Netzen festzustellen noch pauschal die Windenergie zu verurteilen. Bisher gebe es nur Spekulationen.

Strompreise© Gina Sanders / Fotolia.com

Berlin (ddp/sm) - Der Präsident der Bundesnetzagentur, Matthias Kurth, sagte am Dienstag, bisher lägen keine Anhaltspunkte für Sicherheitsmängel bei den Stromnetzen vor. Einzelheiten würden noch geprüft. Der Chef der Deutschen Energieagentur (dena), Stephan Kohler, sagte, er halte die Stabilität des Elektrizitätsnetzes trotz steigender Mengen Ökostrom für grundsätzlich nicht gefährdet.

Kurth sagte, die Stromausfälle vom vergangenen Wochenende und vom vergangenen Jahr im Münsterland seien Einzelfälle, von denen nicht auf den generellen Zustand der Stromnetze geschlossen werden könne. Derzeit prüfe die Bundesnetzagentur die Auswirkungen und Ursachen des Stromausfalls. Zum jetzigen Zeitpunkt sei es noch zu früh, eine Aussage zur Ursache zu machen. E.ON Netz - der Übertragungsnetzbetreiber, in dessen Netz möglicherweise die Ursache für den Stromausfall liegt - sei aufgefordert worden, der Agentur einen detaillierten Bericht zu übermitteln. "Nach Abschluss der Ermittlungen wird die Öffentlichkeit über die Ergebnisse informiert und entschieden, ob konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Versorgungssicherheit geboten sind", sagte Kurth. Bei der Netzsicherheit in Europa sehe er bisher nur bedingt Handlungsbedarf. Die Zusammenarbeit auf europäischer Ebene sei generell bereits sehr gut.

Kohler sagte, er sehe die gestiegene Zahl der Windkraftanlagen nicht als Ursache der europaweiten Stromausfälle. "Eine solche Situation ist nichts Außergewöhnliches, und sie war keinesfalls die Ursache für den Blackout", betonte er. Es habe Probleme mit der Netztechnik gegeben, die sich in einer Kettenreaktion ins Ausland fortgesetzt hätten. "Ob die Elektronen, die in den Hochspannungsleitungen transportiert werden müssen, aus Windkraftanklagen oder Kohlekraftwerken stammen, ist dabei völlig unerheblich", betonte er.

Kohler mahnte, das Fernnetz müsse um rund 850 Kilometer ausgebaut werden, um den höheren Stromhandel im liberalisierten Energiemarkt und die wachsenden Windkraft-Einspeisung bewältigen zu können. Die Stromkonzerne hätten entsprechende Planungen bereits vorgelegt. Zugleich wies er die Kritik von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) an den Konzernen zurück. Gabriel wisse, dass die Unternehmen den Netzausbau wunschgemäß vorantrieben. "Wenn ihm die Abwicklung zu lange dauert, muss er helfen das Planungsrecht zu beschleunigen und Einspruchsmöglichkeiten zurückfahren", sagte Kohler.

Auch Unionsfraktionsvize Katherina Reiche (CDU) warnte davor, jetzt vorschnell die Qualität der Stromnetze grundsätzlich in Frage zu stellen oder die Schuld der Windenergie zuzuschieben. Vielmehr sollten die Ergebnisse der Untersuchung abgewartet werden.

Das Kreuzfahrtschiff "Norwegian Pearl" passierte am Montagabend auf der Ems in Niedersachsen problemlos zwei Hochspannungsleitungen, die vorübergehend abgeschaltet worden waren. In der Nacht zum Sonntag war die Überführung des Schiffes abgebrochen worden, weil Stromleitungen nicht spannungsfrei geschaltet werden konnten. Sie waren bereits vom Netz genommen, als sie aufgrund extremer Netzschwankungen wieder zugeschaltet werden mussten. Die Abschaltung der Leitungen gilt als möglicher Auslöser für den Stromausfall.

Der Stromkonzern E.ON hat nach dem Stromausfall vom Wochenende die Vorwürfe zurückgewiesen, in das Netz sei nicht ausreichend investiert worden. Vorstandsmitglied Klaus-Dieter Maubach sagt am Montag in München, in den vergangenen Jahren habe es umfangreiche Investitionen gegeben. Der Stromausfall habe eine rein technische Ursache. Die Abläufe und Rahmenbedingungen würden genau analysiert.

Gleichzeitig sicherte Maubach der Bundesnetzagentur Unterstützung bei der Ursachenforschung zu. Maubach räumte ein, die Ursache für den Stromausfall habe im E.ON-Netz gelegen. Damit sei jedoch die Verantwortlichkeit noch nicht geklärt. Aufgrund der Störungen rechne der Konzern mit Schadensersatzforderungen.

Der Ludwigshafener Chemiekonzern BASF prüft derzeit mögliche Klagen auf Schadenersatz. Betroffen von dem Ausfall war nach Angaben einer Unternehmenssprecherin vom Montag der Werksteil auf der Friesenheimer Insel. Zwar sei der Strom nur für einige Minuten weg gewesen, dies habe jedoch ausgereicht, um das Sicherheitssystem der Produktionsanlage auszulösen. Ein Umschalten auf Sicherheitsbetrieb bedeute automatisch, dass in der Anlage vorhandene Restgase über eine Sicherheitsfackel abgebrannt würden.

Der Chemiekonzern prüft nun, ob er für den entstandenen Produktionsausfall und die aus Sicherheitsgründen abgefackelten Betriebsstoffe Schadenersatzansprüche geltend machen kann. Allerdings stehe man dabei derzeit vor dem Problem, einen Verantwortlichen für den Stromausfall auszumachen, fügte die BASF-Sprecherin hinzu.

Bislang sei klar, dass ein Zusammenhang mit der Abschaltung einer Höchstspannungsleitung im Emsland bestehe. Die Leitungsabschaltung habe die gefahrlose Durchfahrt eines Kreuzfahrtschiffes ermöglichen sollen. Etwa eine halbe Stunde nach dieser Abschaltung seien außergewöhnliche Belastungen anderer Hochspannungsleitungen in Nordwestdeutschland aufgetreten, die schließlich zu einer noch nicht geklärten Abfolge von Leitungsausfällen geführt hätten.

Von Martin Roy