Atomstreit

Streitpunkt Biblis A: Fluch oder Segen?

Mit seiner Ankündigung, einen Antrag auf nachträgliche Verlängerung der Laufzeiten vom Atomkraftwerk Biblis stellen zu wollen, hat RWE den Streit um den Atomausstieg heute erneut entfacht. Unterstützung kam von bekannter Stelle: Hessens Ministerpräsident Koch warnte eindringlich vor dem Abschalten.

Stromtarife© Andre Bonn / Fotolia.com

Essen/Biblis (ddp-rps/sm) - Geht es nach den Plänen des Betreibers RWE bleibt das hessische Atomkraftwerk Biblis länger am Netz als bislang vorgesehen. RWE-Vorstandschef Harry Roels sagte heute in Essen, sein Unternehmen werde die gesetzlichen Möglichkeiten zur Übertragung von Strommengen und damit zur Laufzeitverlängerung in Anspruch nehmen. Einen Antrag für Biblis A kündigte er für das zweite Quartal dieses Jahres an. Derzeit prüfe der Konzern noch die Antragsvoraussetzungen.

Biblis A sollte eigentlich 2008 vom Netz gehen. Atomkraftgegner verweisen zurecht auf die übermäßig vielen Pannen in den vergangenen Jahren. "Die Forderung nach Laufzeitverlängerung für einen der ältesten und gefährlichsten deutschen Atommeiler ist ein gefährlicher Irrweg und widerspricht der Intention des Atomgesetzes", sagte Reinhard Loske, stellvertretender Vorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen heute in Berlin.

Roels indes verwies darauf, dass RWE allein am Standort Biblis seit 1999 etwa eine Milliarde Euro in die Modernisierung und Nachrüstung investiert habe. Das Kraftwerk bewege sich bei der Sicherheit nach internationalen Maßstäben auf sehr hohem Niveau, unterstrich er.

Unterstützung bekam er heute auch von Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU). Dieser nutzte eine aktuelle Stunde des hessischen Landtages für einen Appell an die Grünen, ihre ablehnende Haltung zu überdenken. Er verglich deren Nein zur Kernenergie mit der Fahrt eines Geisterfahrers, der sich wundert, warum ihm so viele andere Autos entgegen kommen. Außer Deutschland planten alle großen Industrieländer neue Kraftwerke, sagte er. Als Argument pro Atomkraftwerke nannte Koch unter anderem den Strompreis. Das allein sei schon ausschlaggebend, doch spätestens wenn die Themenkomplexe Klimawandel und Kohlendioxid hinzu kämen, werde der Atomausstieg "undenkbar". Den Befürwortern des Atomausstiegs hielt Koch vor, keine schlüssigen technischen Konzepte für Alternativenergien zu haben. Er frage sie, ob sie lieber auf Gas, Braun- und Steinkohle setzen wollten.

Ursula Hammann (Grüne) und Norbert Schmitt (SPD) hielten hingegen an dem von der früheren rot-grünen Bundesregierung mit der Energiewirtschaft ausgehandelten Atomkonsens fest und lehnten Atomenergie als rückwärtsgewandt und unsicher ab. Das AKW Biblis entspreche nicht dem heutigen Stand von Sicherheit und Technik, sagte Hammann. FDP-Umweltexperte Heinrich Heidel unterstrich, seine Partei wolle keinen Sicherheitsrabatt in Biblis und unterstütze auch die öffentliche Bekanntgabe von Störfällen als "richtig und wichtig". In der Sache befürwortete er aber einen Energiemix unter Einschluss der Atomkraft.