Kohle-Dilemma

Streit um Kohlekraftwerke: Strompreis oder Klima?

Kohlekraftwerke produzieren eine große Menge an CO2, welches das Klima zerstört und damit Gefahren für viele Menschen mit sich bringt. Tatsächlich könnten mehrere Kraftwerke abgeschaltet und die Versorgung trotzdem gesichert werden. Energieversorgern zufolge könnte sich das auf den Strompreis auswirken.

Energieerzeugung© Schroptschop / Fotolia.com

Berlin (dpa/red) - Der Druck ist groß. Hinter den Kulissen wird überlegt, wie man sich aus einem komplizierten Dilemma befreien kann. Um das deutsche Klimaziel von 40 Prozent weniger Treibhausgasemissionen bis 2020 zu schaffen, müssen 62 bis 100 Millionen Tonnen Kohlendioxid zusätzlich eingespart werden. Ohne das Abschalten einiger Kohlekraftwerke wird das nicht gehen. Bisher hat Kanzlerin Angela Merkel (CDU) kein Machtwort gesprochen, ob sie das Klimaziel schaffen will - oder lieber die günstig produzierenden Kraftwerke erhalten und so den Strompreis stabilisieren will.

Mehrere Kohlekraftwerke könnten abgeschaltet werden

Das Bundeswirtschaftsministerium hat ein Szenario durchspielen lassen, bei dem je 5.000 Megawatt an Braun- und Steinkohlekraftwerken aus dem Markt genommen werden, das entspricht etwa zehn Kraftwerken. Derzeit gibt es laut Umweltministerium eine gesicherte Leistung von 110.000 Megawatt. Aber selbst an kalten Wintertagen gibt es bei kaum zur Verfügung stehender Wind- und Solarenergie einen Bedarf von nur maximal 83.000 Megawatt (MW). Daher sehen Fachleute Spielraum, bis zu 10.000 MW aus dem Markt zu nehmen. Einige Kohlekraftwerke sind über 40 Jahre alt - Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer fordert ein Abschalten von "Methusalem-Kohlekraftwerken aus den 1960er Jahren."

Versorger: Strompreis könnte sich erhöhen

Wegen des hohen Ökostrom-Anteils und der vielen Kohlekraftwerke gibt es ein Überangebot an vielen Tagen. Weniger Kraftwerke würden den Einkaufspreis an der Energiebörse erhöhen. Ein süddeutscher Versorger rechnet mit 1,70 Euro mehr je Megawattstunde, ein anderer mit rund fünf Euro mehr. Am Dienstag kostete die Megawattstunde rund 46 Euro. Für Verbraucher wären das 4,6 Cent die Kilowattstunde nur für den Strom.

Hinzu kommen Netzentgelte, Steuern, Abgaben und Energiewende-Umlagen, so dass sie rund 29 Cent zahlen, im Jahr bei 3.500 Kilowattstunden Verbrauch 1.015 Euro. Da ein höherer Börsenstrompreis nicht 1:1 weitergegeben werden muss, dürfte der Strompreis weniger stark steigen. Aber gerade die energieintensive Industrie mahnt, schon kleine Veränderungen könnten die Wettbewerbsfähigkeit gefährden.

Drohen bei der Abschaltung von Kohlekraftwerken Versorgungsengpässe?

Die Möglichkeit besteht. Auch wenn es jetzt Überkapazitäten gibt, droht wegen der schrittweisen Abschaltung der restlichen neun Atomkraftwerke eine Lücke bei der gesicherten Leistung - die würde sich durch ein Rausnehmen von zehn Kohlekraftwerken nach Angaben der Branche auf bis zu 7.000 Megawatt im Jahr 2020 erhöhen. Es sei denn, es werden bis dahin mehr Kraftwerke als bisher geplant neu gebaut.

Kohlekraftwerke zwangsweise abschalten lassen

Der für Kraftwerke zuständige Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) will, dass die Unternehmen in ihrer Entscheidung frei bleiben - auch aus Sorge, sich nach den Atomklagen weitere Forderungen nach Schadenersatz einzufangen.

Bei einem höheren Börsenstrompreis könnten Erzeuger mit anderen Kraftwerken zwar mehr verdienen, aber viele Kohlemeiler werfen zu viel Geld ab, als dass sie freiwillig darauf verzichten wollen. Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) ist unter Druck, soll ihr am 3. Dezember im Kabinett zur Abstimmung stehendes Aktionsprogramm zum Erreichen des Klimaziels nicht zum Rohrkrepierer werden. Denkbar ist auch, dass das Problem anderweitig gelöst wird.

Mehrere Lösungen möglich

Wegen der niedrigen Börsenstrompreise rechnen sich gerade im Betrieb teurere, aber klimafreundlichere Gaskraftwerke nicht mehr. Auch das hat Auswirkungen auf den CO2-Ausstoß. Nächstes Jahr will Gabriel einen Entwurf für eine Strommarkt-Reform vorlegen. Damit es genug gesicherte Leistung gibt, sind nicht nur Zahlungen für den Strom denkbar, ein Modell wären Extra-Prämien für eine Stromliefergarantie rund um die Uhr (Kapazitätsprämie). Wenn diese an einen bestimmten CO2-Grenzwert gekoppelt würde, könnten Dreckschleudern unrentabel werden. Und Investitionen in neue CO2-ärmere Anlagen attraktiver. Klar ist nur: Die Branche braucht schnell eine Entscheidung, wie das Dilemma gelöst werden soll, damit es Planungssicherheit gibt.

Quelle: DPA