Streit um Atommüll-Transport setzt Trittin zu - Der Umweltminister in der "Woche": "Eigenartige Allianz von Atomgegnern und Christdemokraten"

Strompreise© Gina Sanders / Fotolia.com
Ein grüner Umweltminister hat es nicht leicht - zumal dann nicht, wenn er dem linken Flügel seiner Partei angehört, vor vier Jahren noch selbst in Gorleben gegen den Castor-Transport demonstriert hat und derartigen zivilen Ungehorsam angesicht des neuerlichen Transports Ende März nunmehr unterbinden will: Bundesumweltminister Jürgen Trittin sieht sich dieser Tage mit einer breiten Front von Widersachern konfrontiert. Auf ihrem 20-jährigem Marsch an die Spitze der Republik, schreibt Sabine Rosenbladt in der aktuellen Ausgabe der "Woche", habe die einstige "Anti-Partei-Partei" - ein Ausspruch Petra Kellys - "so viele Grundprinzipien über Bord geworfen, dass sie heute von ihrer eigenen Basis kaum noch wiedererkannt wird, so ultramodern, so zeitgeistgeschliffen, so garantiert ideologiefrei kommt sie daher". Und: "Das ist der Preis der Macht".



"Umweltgruppen, Bürgerinitiativen, Anti-AKW-Fixe und Castor-Nixe" würden derzeit "bis tief in die grüne Basis hinein" klarmachen, "dass sie die Atompolitik von Rot-Grün gewogen und für zu leicht befunden haben", so die stellvertretende Chefredakteurin, die alsdann das Malheur grüner Umwelt- und Atompolitik messerscharf aufzählt: "Ausstieg erst in zwei Jahrzehnten, Wiederaufarbeitung bis 2005, bisher noch keiner der 19 Meiler vom Netz, Endlagerpläne nur aufgeschoben, Atomausstiegsgesetz immer noch nicht vorgelegt".



Trittin selbst weiß ob des Spagats, den er zwischen "Bewegung" und Ministeramt absolvieren muss - und er fühlt sich sichtlich unwohl dabei, missverstanden, vielleicht sogar im Stich gelassen. "Die letzte Schlacht ums Atom - Grüne gegen Bürgerinitiativen" titelt die Hamburger Wochenzeitung, die am Donnerstag dieser Woche (Ausgabe 8/2001) erschienen ist und auf mehreren Seiten die Diskrepanz zwischen originär grüner Umweltpolitik an der Basis und neuer grüner Umweltpolitik im Berliner Regierungsviertel thematisiert. Trittin selbst stellt sich dabei einem Streitgespräch mit Jochen Flasbarth, dem Chef des Naturschutzverbundes (NABU) - und schnell wird deutlich, dass der rot-grünen Regierungskoalition ein "heißer Frühling" bevorsteht, was den Castor-Transport Ende März angeht.



Seit 1998 ist Trittin Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, mehr als einmal hat er seither gehörige Kritik ob seiner politischen Vorstellungen einstecken müssen, und nicht nur, da der Kanzler die Atomindustrie zu den finalen Gesprächen in Sachen Atomausstieg einlud - nicht aber den eigentlich zuständigen Minister Trittin - bekam er zu spüren, dass eine wie auch immer aussehende Wende in der Energiepolitik keineswegs so einfach umzusetzen ist, wie sich das vielleicht manche Grünen vorgestellt haben. Die neuerliche Kritik aber setzt dem Minister offensichtlich zu.



Im Gespräch mit Flasbarth kritisiert Trittin, dass die Castor-Gegner mit Unionspolitikern eine "Anti-Konsens-Koalition" eingegangen seien: "Ich würde mir für die Umsetzung des jetzt gefundenen Konsenses mehr Unterstützung wünschen. Und nicht, wie bei dem anstehenden Castor-Transport, diese eigenartige Allianz von Atomgegnern, denen der Ausstieg zu langsam geht, und Christdemokraten, die vorher den Atommüll jahrelang nach Frankreich verschoben haben und nun sagen: Sollen die doch sehen, wie sie damit klarkommen", so Trittin in der Woche. Und weiter: "Ich verteidige alle Formen des zivilen Ungehorsames. Aber ich erlaube mir schon die Frage, was das für eine Interessenkoalition ist, wo auf der einen Seite die Union mit einer verquasten Gewaltdebatte steht und auf der anderen Seite Teile der Anti-AKW-Bewegung".



Die aktuelle Ausgabe der 1993 gegründeten Wochenzeitung "Die Woche" ist noch bis einschließlich Mittwoch nächster Woche für 3,90 DM im Zeitschriftenhandel erhältlich. Die Woche online: www.woche.de.