Atomalarm gerechtfertigt?

Störfall in Krsko: Experten kritisieren frühzeitige Entwarnung (Upd.)

Nach dem Zwischenfall im slowenischen Atomkraftwerk Krsko haben Experten die frühzeitige Entwarnung durch die EU-Kommission und Umweltminister Gabriel kritisiert. Die Umweltorganisation Greenpeace warf Gabriel vor, den Zwischenfall in seinen ersten Stellungnahmen heruntergespielt zu haben.

Strompreise© Gina Sanders / Fotolia.com

Berlin (ddp/sm) - Greenpeace-Atomexperte Thomas Breuer sagte am Donnerstag, die Entwarnung deutscher Behörden finde er erstaunlich, "weil erst eine sehr kurze Zeit seit dem Störfall vergangen ist". Man dürfe nicht vergessen, "dass immerhin ein Alarm ausgelöst wurde, den es so in Europa noch nie gegeben hat."

Am Mittwoch wurde das Ecurie-Notfallsystem zum Informationsaustausch bei radioaktiven Vorfällen aller 27 Mitgliedstaaten eingeschaltet, nachdem im Hauptkühlsystem des Kraftwerks in Krsko Kühlflüssigkeit ausgetreten war. Der Betreiber des Atomkraftwerks fuhr das Kraftwerk daraufhin herunter. Eine radioaktive Verseuchung der Umwelt ist den Angaben zufolge nicht aufgetreten. In der Zwischenzeit wurde der Vorfall auf der INES-Skala mit der Stufe 0 (Ereignisse ohne sicherheitstechnische Bedeutung) eingestuft.

Gabriel: Atomalarm "ein bisschen überzogen"

Gabriel hatte am Mittwochabend erklärt, von dem Zwischenfall gehe für Deutschland keine Gefahr aus. Der Minister sagte, die deutschen Behörden hätten beim Wetterdienst angefragt, ob eventuell austretende Radioaktivität vom Wind nach Deutschland getragen werden könne. Auch das Lagezentrum des Bundesinnenministeriums sei informiert gewesen. Zugleich kritisierte er Medienberichte, nach denen es einen "europaweiten Atomalarm" gegeben habe. Es gebe ein Informationssystem für solche Fälle, mit dem alle zuständigen Behörden unterrichtet würden. Dies als Atomalarm zu bezeichnen, halte er für "ein bisschen überzogen". Immerhin habe man feststellen können, dass das System funktioniere.

Breuer hob dagegen hervor, dass es in Krsko zu einem Kühlmittelverlust gekommen sei, was einer der schlimmsten Unfälle sei, die in einem Atomkraftwerk passieren könnten. "Denn der Reaktor muss sowohl im laufenden Betrieb als auch im abgeschalteten Zustand gekühlt werden. Wenn das nicht erfolgt, wird es unweigerlich zu einer Kernschmelze kommen." Der ausgelöste Atomalarm sei deshalb gerechtfertigt gewesen.

Der energiepolitische Sprecher der Grünen, Hans-Josef Fell, sagte, der Zwischenfall zeige, wie "unkalkulierbar diese Risikotechnologie selbst in einem Land sei, das gegenwärtig die europäische Ratspräsidentschaft innehat." Für eine Entwarnung sei es zu früh.

Die rheinland-pfälzische Umweltministerin Margit Conrad (SPD) forderte Aufklärung darüber, wie ernst der Vorfall war und in welchem Zustand sich der Reaktor nach dem Kühlmittelverlust im Primärkühlkreislauf befindet. Unbefriedigend sei es, dass die obersten Behörden für Katastrophen- und Strahlenschutz in Slowenien offenbar zuerst über die Medien von dem Störfall erfahren hätten.

"Der ganz normale Wahnsinn"

Der Leiter des Instituts für Risikoforschung an der Universität Wien, Wolfgang Kromp, sagte, es gebe sehr viele Störfälle in Kernkraftwerken, "die sozusagen zum ganz normalen Wahnsinn gehören." Etwa einmal im Jahr rage dann ein Störfall heraus, "wo man knapp an der Katastrophe vorbeigeschrammt ist". Ohnehin stehe das Atomkraftwerk Krsko an einer erdbebengefährdeten Stelle und gebe damit "immer Anlass zur Sorge".