Standpunkt: Kernfusionsforschung - Fehlinvestitionen in Milliardenhöhe

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Zur Eröffnung des Kernfusionsprojekts "Stellerator" in Greifswald erklärt der forschungspolitische Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen Hans-Josef Fell:


Die Kernfusion kann nach den Fusionsforschern frühestens in 50 Jahren einen nennenswerten Beitrag zur Energieversorgung liefern. Damit käme sie für die Lösung der drängenden globalen Energieprobleme um Jahrzehnte zu spät. Da die Fusionsforscher bereits seit 40 Jahren diesen Zeithorizont vor sich her tragen, lässt sich absehen, dass auch die derzeitigen Prognosen vor allem auf Wunschvorstellungen beruhen, denn die technischen, ökologischen und ökonomische Probleme dieser Technologie scheinen kaum lösbar zu sein. Hinzu kommt, dass die Kernfusion schlicht und einfach überflüssig sein wird, da in 50 Jahren die erneuerbaren Energien die Energieversorgung bereits sicher stellen können - und das zu geringeren Kosten.


Bei der Kernfusionsforschung handelt es sich um einen Forschungszweig, bei dem es keine Firmenausgründungen und keine Arbeitsplätze außerhalb der Forschungsanlage geben wird. Die im Vergleich z. B. zur Elementarteilchenforschung geringen Erkenntnisgewinne können die Verwendung von Steuermitteln auf keinen Fall rechtfertigen. Der Bau des Stellerators in Greifswald ist allerdings zu weit fortgeschritten, die Verträge längst geschlossen. Somit kann die rot-grüne Bundesregierung diesen forschungs- und energiepolitischen Grundfehler der alten Bundesregierung nicht mehr beheben. Viel sinnvoller als das Geld für die Kernfusion zu verwenden, wäre es, in die Erforschung regenerativer Energieträger zu investieren. Deren Märkte wachsen weltweit seit Jahren im zweistelligen Bereich. Mittlerweile wurden in Deutschland bereits zehntausende Arbeitsplätze geschaffen - Tendenz stark steigend. Und die inländischen Unternehmen befinden sich im harten Wettbewerb mit Unternehmen vor allem aus Dänemark, den USA und Japan. Jede Forschungsmark, die fehlt, kostet Arbeitsplätze.


Wie sinnvoll das Geld vor Ort in Greifswald eingesetzt werden könnte, zeigt das dortige Institut für Niedertemperaturplasmaforschung. Dort wird an konkreten Problemen gearbeitet, sei es in der Umwelt oder Materialforschung. Mit einem Bruchteil des Geldes, das in das Kernfusionsprojekt fehlgeleitet wurde, hätte in der Niedertemperaturplasmaforschung ein Zentrum für neue innovative Unternehmen gebildet werden können. Dadurch könnten weit mehr Arbeitsplätze in der strukturschwachen Region Mecklenburg-Vorpommern entstehen.


Nun gilt es, nach vorne zu blicken. Mit dem Kernfusionsprojekt "ITER" steht bereits der nächste Forschungsreaktor auf der Wunschliste der Fusionsforscher. Die rot-grüne Bundesregierung sollte die für Deutschland so wichtigen Forschungsmittel so effizient wie möglich ausgeben, was gleichzeitig bedeutet, auf weitere Fusionsprojekte zu verzichten. Im Falle des ITER sind die USA bereits mit gutem Beispiel voran gegangen und aus dem Projekt ausgestiegen. Da die Realisierung des Fusionsforschungsreaktors ITER 6 bis 15 Milliarden DM kosten würde, könnten bei einem Verzicht umfangreiche Mittel in anderen Forschungsbereichen eingesetzt werden.