Personalwechsel beschlossen

Stahlunternehmer Großmann wird neuer RWE-Chef (Upd.)

Der Stahlunternehmer Jürgen Großmann wird die Nachfolge des RWE-Vorstandsvorsitzenden Harry Roels antreten. Dies hat der RWE-Aufsichtsrat in seiner heutigen Sitzung beschlossen. Großmann wird bereits im November in die Gesellschaft eintreten und ab Februar 2008 den derzeitigen RWE-Chef ablösen.

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Essen (ddp-nrw/sm) - Der Stahlunternehmer Jürgen Großmann wird als neuer Vorstandsvorsitzender Harry Roels an der Spitze des zweitgrößten deutschen Energiekonzerns RWE ablösen. Der RWE-Aufsichtsrat beschloss heute in Essen, den am 31. Januar 2008 auslaufenden Vertrag von Roels nicht zu verlängern, wie der Konzern nach der Sitzung mitteilte. Großmann soll am 1. November 2007 in die Gesellschaft eintreten und zum 1. Februar 2008 die Position des Vorstandsvorsitzenden übernehmen.

In den vergangenen Tagen war bereits über einen möglichen Nachfolger für Roels spekuliert worden. Eine erneute fünfjährige Amtsperiode galt bereits als ausgeschlossen, weil der Manager im nächsten Jahr die Altersgrenze von 60 Jahren erreicht, mit der Führungspersonal bei RWE in der Regel sein Amt abgibt. Die Wahl Großmanns gilt dennoch als Überraschung. In den Medien war zuvor der Vorstandsvorsitzende des Oldenburger Energieversorgers EWE und Präsident des Verbandes der deutschen Elektrizitätswirtschaft (VDEW), Werner Brinker, als Nachfolger gehandelt worden.

Kritik an Roel: Keine überzeugende Zukunftsstrategie

Der 58-jährige Roels war Medienberichten zufolge trotz guter Sanierungsarbeit allerdings zuletzt auch in die Kritik des Aufsichtsrats geraten. Zum einen werde ihm angekreidet, dass RWE wegen seiner hohen Barreserven seit Monaten als mögliches Ziel einer feindlichen Übernahme gilt. Zum anderen werfe man ihm vor, dass er keine überzeugende Zukunftsstrategie für RWE entwickelt und sich zu wenig in die Gestaltung der energiepolitischen Rahmenbedingungen eingemischt habe. Vielen gelte der gebürtige Niederländer als zu wenig vernetzt in der deutschen Politik.

Ein guter Draht zu den Entscheidungsträgern in der Politik dürfte für den Energiekonzern aber wegen anstehender energiepolitischer Weichenstellungen immer wichtiger werden. So dringen Politik und Wirtschaft derzeit angesichts hoher Strom- und Gaspreise auf mehr Wettbewerb auf den Energiemärkten. Den Versorgern drohen Sanktionen bis hin zum Verkauf von Unternehmensteilen oder der Aufspaltung der Konzerne. Zudem verlangt der Klimaschutz ebenfalls energiepolitische Entscheidungen, die auch eine Revision des Atomausstiegs möglich erscheinen lassen.

Eine Besserung der Situation erhoffen sich die Kontrolleure offenbar von Großmann, der als Freund von Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) nicht nur in der eigenen Branche als gut vernetzt gilt und zudem unter anderen in den Aufsichtsräten von Volkswagen und der Deutschen Bahn sitzt.

Roels war vom niederländisch-britischen Energiekonzern Royal Dutch/Shell zum RWE-Konzern gekommen und hatte im Februar 2003 Dietmar Kuhnt als Vorstandschef abgelöst. Roels wird vor allem der Abbau der Verschuldung und die Verschlankung des Konzerns zu Gute gehalten. Dafür setzte er vor allem auf organisches Wachstum. So wurden zahlreicher Töchter, unter anderem die britische Thames Water und die US-Gesellschaft American Water verkauft. 2005 erzielte RWE einen Umsatz von 41,8 Milliarden Euro und einen Überschuss von 2,2 Milliarden Euro. Die Zahlen für das vergangene Geschäftsjahr wird RWE am Freitag vorlegen.

Großmann: Bilderbuchkarriere in der Stahlbranche

Der künftige RWE-Vorstandsvorsitzende kommt aus der Stahlbranche. Dort legte Jürgen Großmann, der 1952 in Mülheim an der Ruhr geboren wurde, geradezu eine Bilderbuchkarriere hin. Bereits sein Vater war Wirtschaftsprüfer in einem Bochumer Stahlwerk. Großmann studierte später Eisenhüttenkunde in Clausthal-Zellerfeld im Harz. Dort äußerte er angeblich schon den Wunsch, später mal ein Stahlwerk führen zu wollen. Nach seiner Promotion begann Großmann seinen beruflichen Weg zunächst bei den Duisburger Klöckner-Werken, wo er später in den Vorstand aufstieg.

Ein Clou gelang Großmann, als er 1993 vom Klöckner-Konzern die marode Klöckner Edelstahl GmbH im niedersächsischen Georgsmarienhütte bei Osnabrück für den symbolischen Preis von zwei Mark erwarb. Die Hütte litt unter anderem unter dem Wettbewerbsnachteil, nicht über eine Flussanbindung zur Erzanlieferung zu verfügen. Großmann ließ einen modernen Elektrolichtbodenofen statt eines herkömmlichen Hochofen-Konverters einbauen. Dadurch konnten nun bis zu 100 Prozent Schrott zur Stahlerzeugung verwendet werden.

Großmann brachte das Unternehmen durch weitere Flexibilisierungen und Effizienzsteigerungen zunehmend auf Erfolgskurs. Er baute das Unternehmen durch Zukäufe zu einer Firmengruppe aus und gründete 1997 die Georgsmarienhütte Holding, die heute ihren Sitz in Hamburg hat. Mittlerweile zählt die Gruppe mehr als 43 Firmen in Deutschland und Österreich. 2005 wurde mit rund 8400 Beschäftigten ein Umsatz von 1,8 Milliarden Euro und ein Überschuss von 74 Millionen Euro erzielt. Durch diesen Erfolg erwarb sich Großmann in der deutschen Stahl- und Metallbranche den Ruf, aus maroden Unternehmen oder Firmenteilen wieder profitable Betriebe machen zu können.

Privat investiert der verheiratete Vater von drei Töchtern gern in gutes Essen. Sein eigenes Restaurant "La Vie" in Osnabrück wurde sogar mit einem Michelin-Stern gekürt.

Aktienmarkt verunsichert

Der Aktienmarkt zeigte sich vom Personalwechsel zunächst verunsichert. Die Papiere verzeichneten bis zum frühen Nachmittag ein Minus von 2,5 Prozent auf 79,11 Euro. Zum jetzigen Zeitpunkt sei die Personalie schwer zu beurteilen, sagte Analyst Theo Kitz vom Bankhaus Merck Finck. Großmann sei relativ unbekannt und komme nicht aus der Energiebranche. Das müsse aber nicht negativ sein.