"Tiefenprüfung"

Spezialfirma erkundet Salzstock in Vorpommern

Mit 60 Spezialfahrzeugen erkundet derzeit die Essener Spezialfirma DTM östlich von Züssow einen unterirdischen Salzstock. In über 1000 Metern Tiefe sollen mehrere Millionen Kubikmeter russisches Erdgas gespeichert werden.

Stromnetz Ausbau© Gina Sanders / Fotolia.com

Züssow (ddp/sm) - Auf mannshohen Ballonreifen rollen die drei gewaltigen Trucks im Schritttempo querfeldein durch Vorpommerns Landschaft. Östlich von Züssow gibt Truppführer Kai-Uwe Paulat das Signal zum Halten. Dann stemmen Hydraulik-Arme an den Fahrzeugböden eine Art riesige Rütteltische gegen das Erdreich. Das Fahrzeuggewicht von jeweils 22 Tonnen lastet jetzt auf den Stahlplatten, die plötzlich beginnen, gegen den Boden zu vibrieren. Ein dumpfes Brummen geht durch das Gelände. Fünf Sekunden später ist die Sache erledigt. Die Karawane der Vibrator-Spezialfahrzeuge zieht weiter zum nächsten Messpunkt.

Ein paar Kilometer entfernt sitzt Detlev Friedrich am Feldrand in einem Messwagen vor sechs Flachbildmonitoren. Hier laufen die Signale von 1680 so genannten Geophonen ein, die auf 50 Quadratkilometern Acker, Wald und Wiese verteilt sind. "Wir sind quasi die Spinne im Netz", erklärt der 50-jährige Messtechniker und zeigt auf einen der Bildschirme. Im bunten Farbgewirr zeichnen sich dort plötzlich kleine rote Flecken ab, seismische Signale aus über 2000 Metern Tiefe. Irgendwo da unten sind die Schallwellen der Vibrator-Trucks auf eine Salzformation gestoßen und zurückgeworfen worden. Die Laufzeit des Echos gibt den Experten später Aufschluss über die Ausdehnung des Salzstocks.

Bis Mitte März erkunden mehr als 70 Spezialisten der Essener Firma DMT in Vorpommern den geologischen Untergrund. Die Daten werden später in einem Rechenzentrum ausgewertet und zum ersten dreidimensionalen Seismik-Bild Mecklenburg-Vorpommerns zusammengesetzt. Auftraggeber für die mehrere Millionen Euro teure "Tiefenprüfung" ist der Oldenburger Energiekonzern EWE AG, der voraussichtlich ab 2010 in dem Salzstock Moeckow mehrere Millionen Kubikmeter russisches Erdgas speichern will.

Der Salzstock sei schon zu DDR-Zeiten bei der Suche nach Erdgas entdeckt worden, sagt EWE-Geologe Thomas Beutel. Unklar blieb bislang seine Ausdehnung. Im Herbst soll daher eine erste Bohrung bis in 1600 Meter Tiefe gesetzt werden, um Bodenkerne von der Salzformation zu erhalten. "Ab 2008 wollen wir dann Wasser in die Tiefe drücken, das das Steinsalz auflöst und über eine zweite Bohrung an die Erdoberfläche bringt", sagt Beutel. Über eine 20 Kilometer lange Leitung werde das Salzwasser dann an die Küste geleitet und in die Ostsee gespült.

Welche Ausmaße der Untergrundspeicher haben wird, ist derzeit eine spannende Frage. "Läuft es gut, dann können wir bis zu zehn Kavernen mit einem Gesamtvolumen von mehreren Tausend Millionen Kubikmetern erschließen", sagt Beutel. Dann hätten sich die schätzungsweise 150 Millionen Euro Erschließungskosten wirklich gelohnt.

Das Engagement von EWE in Ostvorpommern ist kein Zufall. Denn nur ein paar Kilometer nördlich des Salzstocks liegt Lubmin, wo die geplante deutsch-russischen Ostseepipeline anlanden soll, durch die ab 2010 jährlich 27,5 Milliarden Kubikmeter russisches Erdgas für Westeuropa fließen. Das gigantische Untergrunddepot, das über eine Anschlussleitung gefüllt werden soll, würde nicht nur für mehr Versorgungssicherheit sorgen, für den Fall dass Gasimporte zeitlich ausbleiben. Durch Kavernenspeicher wird es auch möglich, im Sommer preiswerteres Gas zu deponieren, um es im energieintensiveren Winter zu saisonal günstigeren Preisen an die Kunden zu liefern.