In Grenznähe geplant

Sorge um Polens Atompläne

Vom westpolnischen Städtchen Gryfino (Greifenhagen) aus sind die Windräder in der Uckermark gut auszumachen. Der Ort an der Ostoder liegt nur zweieinhalb Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, die auf der Westoder verläuft. Von ökologischer Energiegewinnung ist man in Gryfino aber weit entfernt.

Strompreise© Gina Sanders / Fotolia.com

Gryfino/Criewen (ddp-lbg/sm) - Die Schornsteine des vor 30 Jahren erbauten Kohlekraftwerks dominieren die südlich von Stettin (Szczecin) gelegene 21 000-Einwohner-Stadt. Seitdem Berichte bekannt wurden, wonach polnische Wissenschaftler die Stadt als Standort für ein Kernkraftwerk in Erwägung ziehen, ist Gryfino auch im benachbarten Deutschland im Gespräch.

Bisher gibt es in Polen nicht einen einzigen Atommeiler. Laut polnischen Presseberichten schlugen Wissenschaftler vor, bis zum Jahr 2030 drei Atomkraftwerke zu errichten. "Wenn wir keine Kernkraftwerke bauen, droht uns in 10 bis 20 Jahren ein drastischer Energiemangel", sagte Ryszard Gilecki von der polnischen Energiemarktagentur der in Stettin erscheinenden Zeitung "Glos Szczecinski". Viele traditionelle Kohlekraftwerke seien schon heute am Ende ihrer Betriebsdauer angelangt und würden die ab 2008 geltenden EU-Bestimmungen über Schadstoffemissionen nicht einhalten.

Allerdings steht die polnische Öffentlichkeit auch angesichts der Tschernobyl-Katastrophe solchen Plänen in der Mehrheit skeptisch gegenüber. Diesen Fakt betrachten Wissenschaftler der staatlichen Atombehörde laut der Zeitung als höchste Hürde für die Umsetzung der Pläne, denn über eine endgültige Standortentscheidung würden die Gemeinden und die Einwohner der betroffenen Gemeinden entscheiden. Einem nicht bestätigen Bericht des Blatts zufolge sollen Gryfino und das ebenfalls als Standort gehandelte Darlowo in Westpommern noch in diesem Jahr "konkrete Vorschläge in dieser Angelegenheit" erhalten.

Auf deutscher Seite werden die polnischen Vorstellungen überaus skeptisch betrachtet. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) hatte schon vor drei Wochen an Polen appelliert, die Überlegungen für den Neubau eines Atomreaktors in Grenznähe zu überdenken. Zu den Plänen gebe es zwar noch keine Beschlüsse, dennoch sollte die deutsche Seite früh in entsprechende Überlegungen einbezogen werden, forderte er. Das Vorhaben habe in den betroffenen Regionen Ängste ausgelöst.

Nur einen Katzensprung von Gryfino entfernt liegt der deutsche Nationalpark Unteres Odertal. "Wir wünschen uns natürlich kein Atomkraftwerk als direkten Nachbarn", sagt der Vorsitzende des Nationalpark-Fördervereins, Thomas Berg. "Zum einen halte ich den Einsatz von Atomkraft für eine verfehlte und überholte Energiepolitik", betont er. Zum anderen berge ein Reaktor immer Risiken, egal wo er stehe. Ein Kernkraftwerk "würde den Charme eines Nationalparks doch erheblich stören". Zudem sei die Oderniederung ein ökologisch sensibler Bereich.

Allerdings hegt Berg Zweifel, ob es wirklich zum Bau des Atommeilers an der Oder kommen wird. "Ich sehe das alles noch nicht. Zum einen, weil ich nicht weiß, wie konkret die Pläne wirklich sind, und zum anderen muss man das alles bezahlen können", sagt er. "Wir als kleiner Verein können da nur darauf hinweisen", fügt er für den Fall an, dass die Pläne tatsächlich konkreter werden sollten. Es dürfte nach seiner Ansicht aber erhebliche Widerstände vor allem aus dem nur knapp 120 Kilometer entfernten Berlin und auch aus Stettin geben. "Ich kann mir schwer vorstellen, dass Berliner und Stettiner ein Kernkraftwerk in ihrer Nähe wollen", sagt Berg.

Von ddp-Korrespondent Jörg Schreiber