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Seit 100 Tagen kein Strom aus Biblis

Am kommenden Dienstag ist das hessische Atomkraftwerk Biblis seit 100 Tagen abgeschaltet. Und niemand merkt etwas davon: die Lichter sind nicht erloschen, Kühlschränke versehen nach wie vor ihren Dienst und keine Straßenbahn ist stehen geblieben. Müssen die beiden Blöcke gar nicht erst wieder ans Netz gehen?

Stromnetz Ausbau© Gina Sanders / Fotolia.com

Biblis (ddp/sm) - Ja, meinen die Grünen. Vom ersten Tag des Stillstandes an schickten sie täglich ein Fax in die Redaktionen und zum politischen Gegner, einen Einzeiler, in dem sie mal mehr, mal weniger kreativ den Biblis-Stillstand feierten. Denn: "Das AKW ist verzichtbar", sagt die Umweltexpertin der Grünen im Landtag, Ursula Hammann.

Nein, sagt die hessische Landesregierung. Sie steht fest zur Kernenergie und zum hessischen Reaktor. Schließlich liege der Anteil des AKW an der hessischen Stromversorgung bei 60 Prozent, betont eine Sprecherin des für Biblis zuständigen Umweltministeriums.

Kraftwerksbetreiber RWE Power setzt etwas niedriger, bei durchschnittlich 50 Prozent an. An Biblis festhalten will aber auch er. Eigentlich sollten 2008 Block A, der 1974 in Betrieb genommen wurde, und 2009 Block B, der seit 1976 Strom liefert, seine Arbeit einstellen. Im September 2006 stellte das Unternehmen jedoch einen Antrag auf Laufzeitverlängerung für Block A. Bis in die zweite Jahreshälfte 2011 soll Block A weiter betrieben werden, durch genehmigungsfreie Reststrommengen-Übertragung will RWE auch Block B so lange am Netz lassen.

Für Grünen-Politikerin Hammann ein Unding. Sie ist sich sicher: Der Stillstand der beiden Blöcke ist die Chance, die risikofreien, erneuerbaren Energien zu fördern. Es gebe genügend Unternehmen, die in erneuerbare Energien investieren würden - wenn es die richtigen Rahmenbedingungen gebe. "So lange Biblis nicht in einem sicheren Zustand ist, darf es nicht wieder ans Netz", fordert jedenfalls Hammann. Und Atomkraftwerke seien nie wirklich sicher.

Probleme bereitete Biblis in der Vergangenheit tatsächlich eine Menge. Neben einer Vielzahl kleinerer Pannen kam es unter anderem Ende 1987 zu einem größeren Störfall. Damals war ein Absperrventil am Primärkühlkreislauf 15 Stunden nicht geschlossen gewesen. Zwei Schichten hatten das rote Warnlämpchen in der Schaltwarte ignoriert. Zur Druckentlastung wurde dann unzulässig ein Prüfventil der Zweitabsperrung geöffnet und dadurch, wenn auch in geringsten Mengen, Radioaktivität freigesetzt. Eine Stickstoff-Vergiftung und ein Stromschlag forderten in den Folgejahren darüber hinaus zwei Menschenleben.

Zuletzt war im Oktober bei einer Revision von Block A entdeckt worden, dass Spezialdübel zur Befestigung von Anlagenkomponenten Montagemängel aufwiesen. Da von diesen Mängeln auch Biblis B betroffen war, wurde dieser Kraftwerksblock ebenfalls vom Netz genommen. Seitdem steht Biblis still.

Wenn alle Dübel überprüft und die Mängel behoben seien, gebe es keinen Grund, weshalb Biblis nicht wieder ans Netz gegen sollte, sagt die Sprecherin des Umweltministeriums. Die Anträge von RWE Power auf Laufzeitverlängerung kommentiert sie mit einem knappen "Wir unterstützen das".

Ausschlaggebend beim Wunsch nach längeren Laufzeiten ist RWE-Sprecher Lothar Lambertz zufolge das Konzept für die Zukunft der Energiepolitik, das die Bundesregierung im zweiten Halbjahr 2007 vorlegen will. Weil in diesem laut Lambertz auch festgeschrieben werden müsse, wie es mit der Kernenergie weitergeht, will der Kraftwerksbetreiber Biblis mindestens so lange am Netz lassen, bis ein Ergebnis feststeht. Denn durch eine Abschaltung könnten "irreversible Tatsachen" geschaffen werden. Ist Biblis erst einmal endgültig vom Netz, sei dies nur schwer rückgängig zu machen.

Vorerst werde Biblis aufgrund der Reparaturarbeiten aber noch "mehrere Monate" stillstehen, sagt Lambertz. Der Strom kommt bis dahin von anderen RWE-Kraftwerken oder wird an der Strombörse eingekauft. Auch Atomstrom sorgt dabei weiter dafür, dass auch ohne Biblis in Hessen nicht die Lichter ausgehen.

Von ddp-Korrespondent David Rollik