Notfall

Schwer kritisiert: Frankreichs Pläne bei einem Atomunfall

Bei einem Atomunfall ist das schnelle Handeln wesentlich, Menschen müssen benachrichtigt und in Sicherheit gebracht werden. Die Notfallpläne Frankreichs werden von mehreren Seiten kritisiert. Die Evakuierungszonen seien zu klein und das Alarmsystem hat bei Übungen bereits versagt, so Lokalpolitiker.

Atomstrom© papapopolus / Fotolia.com

Flamanville (AFP/red) - Zu kleine Evakuierungszonen, unhörbare Alarmsirenen, Ausfälle beim Telefonsystem zur Warnung der Bevölkerung: Bei einem Atomunfall oder einem Terroranschlags auf ein Kernkraftwerk scheint Frankreich nur schlecht vorbereitet. Lokalpolitiker sind seit der islamistischen Anschlagsserie von Paris im Januar und den immer noch ungeklärten, mysteriösen Drohnenüberflügen über französischen Atomanlagen zunehmend alarmiert. Viele von ihnen halten die bestehenden Notfallpläne schlicht für "absurd".

Kleiner Evakuierungszonen

Während nach der Atomkatastrophe von Fukushima in Japan vor vier Jahren die Bevölkerung in einem Umkreis von 20 Kilometern evakuiert wurde, sehen die französischen Notfallpläne eine Evakuierung nur in einem Umkreis von zwei bis fünf Kilometern um ein Atomkraftwerk vor. Der Präfekt soll darüber je nach Schwere eines Unfalls entscheiden.

In einem erweiterten Umkreis von zehn Kilometern soll die Bevölkerung sich dort in Sicherheit bringen, wo sie sich aufhält. In diesem Bereich sollen die Menschen auch Jodtabletten zu Hause haben, die im Falle einer Verstrahlung das Risiko von Schilddrüsen-Krebs verringern sollen.

Atomaufsicht: Pläne müssen geprüft werden

Der Präsident der französischen Atomaufsicht (ASN), Pierre-Franck Chevet, räumt ein, dass diese Notfallpläne neu geprüft werden müssten. So hatte die viertgrößte Stadt Frankreichs, das westfranzösische Bordeaux, kürzlich eine Ausweitung der Sicherheitszonen auf 80 Kilometer verlangt. Die 720.000-Einwohner-Stadt liegt nur 45 Kilometer vom Reaktor von Blayais entfernt.

uch die keinesfalls von vornherein atomkraftfeindliche Vereinigung lokaler Informationskomitees (Anccli), der Abgeordnete, Gewerkschafter, Wissenschaftler und auch Umweltschützer angehören, fordert einen 80-Kilometer-Umkreis um alle Anlagen. Da Frankreich aber mit 58 Reaktoren in 19 Kernkraftwerken das Land in der EU ist, das am stärksten auf Atomkraft setzt, würden dadurch große Gebiete des Landes zum Sicherheitsbereich erklärt. In Deutschland und in der Schweiz werden diese Zonen derzeit erweitert.

Modernisierung des Alarmsystems

Die Lokalpolitiker beschweren sich in Frankreich indes über Mängel schon innerhalb der bestehenden Sicherheitsumkreise. "In zwölf Jahren haben wir vier Krisenübungen gemacht", berichtet der sozialistische Bürgermeister von Flamanville in Nordfrankreich, Patrick Fauchon. "Das Alarmsystem (Sirenen, Lautsprecher, Telefonanrufe) hat sich jedes Mal als nicht sehr zuverlässig erwiesen. Bei der letzten Übung 2012 hat der Alarm einen von drei Einwohnern nicht erreicht, oder mit Verspätung."

Auch Alexis Calafat, dessen Bürgermeisteramt rund 500 Meter von der Atomanlage von Golfech in Südwestfrankreich entfernt ist, hört bei Übungen nicht immer die Sirene. Zwar gibt es zur Sicherheit auch noch die Telefonanrufe auf dem Festnetz von Bürgern in einem Umkreis von zwei Kilometern, aber im Zeitalter der Handys wird das von vielen als veraltet angesehen. Golfech hat daher jetzt ein Alarmsystem per Handy, das der Staat möglicherweise landesweit umsetzen will.

Denn bei der letzten Übung rund um das Atomkraftwerk Gravelines an der Nordsee wählte das System in 15 Minuten rund 6.000 Nummern an - 28,7 Prozent der Anrufe landeten im Nichts.

Verkehrschaos in Gravelines

Auch die Behörden untereinander scheinen auf Notfälle schlecht vorbereitet. Bei der letzten Übung Ende 2011 um die Wiederaufarbeitungsanlage La Hague, wo das meiste radioaktive Material Europas gelagert wird, brauchte die Präfektur 40 Minuten, um sich mit dem Atomkonzern Areva und der Atomaufsicht ASN in Verbindung zu setzen. Die Telefon-Codes stimmten einfach nicht.

Auch die Evakuierungsübungen verliefen oft alles andere als reibungslos. In Gravelines mit seinen rund 11.500 Einwohnern kam es zu einem Verkehrschaos. Im Bericht der lokalen Informationskomitees zu der Übung 2011 hieß es: "Ein Reigen von Bussen kreuzte und kreuzte sich im Zentrum von Gravelines und führte zu einem unentwirrbaren Stau."

Quelle: AFP