Pioniere

Schweizer umrunden mit Solar Impulse 2 die Welt

Die Erdumrundung mit dem Sonnenflieger "Solar Impulse 2" war erfolgreich. Die Flugpioniere Piccard und Borschberg haben auch die letzte Etappe hinter sich gebracht. Liegt die Zukunft des Flugverkehrs in der Sonnenkraft?

Solarkollektoren© Franz Metelec / Fotolia.com

Abu Dhabi/Zürich - Was für ein Triumph. Ohne einen Tropfen Kerosin, allein mit der Kraft der Sonne sind die Schweizer Forscher, Piloten und Abenteurer Bertrand Piccard (58) und André Borschberg (63) um die ganze Welt geflogen. Eine Pionierleistung, die viele Experten noch vor wenigen Jahren für unmöglich hielten. Umso größer nun die Begeisterung über den Sonnenflieger "Solar Impulse 2" (Si2). "Das war eine Heldentat, sowas auf die Beine zu stellen und durchzuziehen", sagt Professor Josef Kallo, der beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) Technologien für emissionsfreies Fliegen entwickelt.

80 Ingenieure und Techniker arbeiteten an dem Sonnenflieger

Die Schweizer Flugpioniere und ihr Team mit mehr als 80 Ingenieuren und Technikern verdienten ein Riesenlob, findet auch DLR-Forscher Marc Böswald. "Sie haben in jahrelanger Arbeit jedes einzelne Bauteil genauestens bedacht, berechnet, geprüft und aufeinander abgestimmt, so dass diese Maschine so leicht und zuverlässig wie irgend möglich wurde."

Abenteuer mit Pannen und Tücken

Im März 2015 war der Solarflieger in Abu Dhabi aufgebrochen und über Indien, China und den Pazifik Richtung Hawaii geflogen. Dort musste das Team im vergangenen Jahr wegen eines Defektes der Batterien eine neunmonatige Pause einlegen. Das Projekt stand kurz vor dem Scheitern. Nach der Reparatur ging es über die USA und den Atlantik Richtung Europa und anschließend über Nordafrika und Saudi-Arabien zum Ausgangspunkt der Reise nach Abu Dhabi. Insgesamt legte der Solarflieger nach Angaben des Projektteams 43 041 Kilometer auf seiner Reise um die Welt zurück und war 558 Stunden und sechs Minuten in der Luft.

Exakte Abstimmung der Baukomponenten

Seit 2008 haben DLR-Experten die Entwicklung von "Solar Impulse" unterstützt. Sie führten die Standschwingungstests durch, die zur Bewertung der sogenannten Flattergefährdung des Flugzeugs erforderlich waren. Eine Flügelspannweite größer als bei einem Jumbojet, aber nur ein kurzer Rumpf mit dem Ein-Personen-Cockpit bei lediglich dem Gesamtgewicht eines Mittelklasseautos - da hätten schon kleine Böen große Verformungen hervorrufen können, wären nicht alle Komponenten optimal aufeinander abgestimmt gewesen.

Größte Herausforderungen: Überquerung der Ozeane

Kein Wunder, dass die größten Herausforderungen - und sensationellen Rekorde - jeweils die Überquerungen der Ozeane mit ihren schwer vorhersehbaren Windverhältnissen waren. Die ganze Welt staunte, als Borschberg in einem fünf Tage und Nächte dauernden Flug den Pazifik überquerte und dann müde, aber sicher auf Hawaii landete. Nach solchen Etappen wurde ordentlich gefeiert. "Zum Glück ist einer unserer Sponsoren ein Champagnerhersteller", sagte Piccard.

Piccard und Borschberg wechselten sich bei Etappen ab

Die beiden wechselten sich auf den 17 Etappen im Solo-Cockpit ab. Jeder durfte weltbekannte Bauten überfliegen. Piccard drehte eine Ehrenrunde über die Golden-Gate-Brücke, Borschberg über der Freiheitsstatue. Piccard absolvierte den Solarflugrekord über den Atlantik nach Spanien, Borschberg winkte den Pyramiden bei Kairo von oben zu, ehe Piccard dann die letzte Etappe zum Start- und Zielflughafen Abu Dhabi in Angriff nahm.

Doch es ging natürlich um weit mehr, als das Aufsehen erregende Überfliegen von Sehenswürdigkeiten: "Wir wollen eine neue Welt repräsentieren, eine Welt mit sauberer Technologie", sagte Piccard. "Denn wir glauben an eine saubere Zukunft und wir glauben, dass sie jetzt begonnen hat."

Ist der Sonnenflieger das Zukunftsmodell?

Heißt das, wir können in absehbarer Zeit quasi mit der Sonne in den Urlaub fliegen, und der Kerosin-Zuschlag fällt weg? Nein. Denn was Reiseveranstalter wohl als netten Werbeslogan aufgreifen würden, bleibt trotz der eindrucksvollen "Si2"-Rekorde nach Einschätzung der meisten Experten auf lange Zeit Utopie.

Dass Flugzeuge von Elektromotoren durch die Lüfte getragen werden, halten Forscher zwar für realistisch. Aber aus Solarzellen könne die erforderliche Antriebsenergie für Passagierflugzeuge einfach nicht gewonnen werden. Schon um mit nur einer Person zu fliegen, brauchte "Si2" mehr als 200 Quadratmeter Fläche für Solarzellen auf den Flügeln. Für 100 Passagiere und hohe Fluggeschwindigkeiten wären jedoch mehrere Quadratkilometer nötig.

Experte sieht Lösung in Wasserstoffbrennzellen und Gasturbinen

Die Lösung auf dem Weg zum emissionsarmen Fliegen mit Elektromotoren seien Hybride aus Gasturbinen oder Wasserstoffbrennzellen und Hochleistungsbatterien, sagt Josef Kallo. "Speziell mit Wasserstoffbrennstoffzelle funktioniert ein viersitziges Flugzeug namens "HY4", das wir beim DLR entwickelt haben. Ende September soll es in Stuttgart zum offiziellen Erstflug starten."

Elektroflieger hat noch einen langen Weg vor sich

Bis zur Serienreife dieses deutschen Elektro-Viersitzers sei "noch Fleißarbeit von fünf bis sieben Jahren erforderlich", sagt Kallo. Dann könne "HY4" zum Beispiel als Lufttaxi auf kurzen Strecken eingesetzt werden. "Bis 20-Sitzer mit Wasserstoffbrennzellen unterwegs sind, dürften noch 15 Jahre vergehen, bei 70-Sitzern etwa 20 Jahre", schätzt der DLR-Forscher.

Auch in den USA und anderen Ländern wird an der Entwicklung solcher Flugzeuge gearbeitet. Überall wird aber nur mit kleineren Maschinen und geringen Reichweiten gerechnet. Der Mittel- und Langstreckenverkehr bleibt auf lange Zeit den Kerosin-Fliegern vorbehalten - und er wird noch zunehmen.

Quelle: DPA