Reduzierte Kohleförderung

Saarland: Kumpel setzen bei Abbau auf Solidarität

Nach dem Abbaustopp wird nun im Saarland wieder Kohle gefördert, allerdings in sehr reduziertem Umfang. Für die rund 4100 Beschäftigten im Bergwerk Saar heißt das: Grundsätzlich wird zwar wieder gearbeitet, aber eben nur ein bisschen. Für den reduzierten Abbau werden vorerst nur rund 800 Kumpel benötigt.

Netzausbau© Thomas Aumann / Fotolia.com

Saarbrücken (ddp-rps/sm) - Die Bergleute setzen in dieser Situation auf Solidarität und wechseln in unterschiedlichem Rhythmus zwischen Schicht und Kurzarbeit. "Geteiltes Leid ist halbes Leid", lautet das Motto. Doch trotz aller Solidarität ist die Stimmung gereizt. Denn nach dem neuen Konzept der RAG steht fest: Im laufenden Jahr fallen die ersten 900 Arbeitsplätze weg, wie ein Unternehmenssprecher erläutert.

Bis zum Jahr 2012, dem vorgesehenen Ende des Bergbaus an der Saar, soll die Belegschaft kontinuierlich bis auf 1700 Beschäftigte gesenkt werden. Danach komme noch eine kurze Konservierungsphase für das stillgelegte Bergwerk, bevor es dann endgültig keine Arbeitsplätze im Saar-Bergbau mehr geben wird.

"Es geht darum, dass jetzt jeder wenigstens eine Zeit lang arbeiten kann, denn wer wochenlang zu Hause sitzt, wird ja depressiv, sagt der Betriebsratsvorsitzende Hans Jürgen Becker. Man habe ein System entwickelt, nach dem sich die Betroffenen alle 10 oder 14 Tage auf ihren Arbeitsplätzen abwechseln. Das betreffe alle Beschäftigten, auch die mittlere Führungsebene der Revier- und Schichtsteiger. Das Wechselspiel hat sich den Angaben zufolge schon bei der Notbelegschaft nach dem Abbaustopp im Februar bewährt und soll beibehalten werden.

"Da gibt es keinen Neid", betont Manfred Scherer (43), Vater von zwei Kindern aus Friedrichstal, der schon über 25 Jahre unter Tage arbeitet. Natürlich sei die Stimmung schlecht, doch es verstehe sich von selbst, dass jeder den Wechsel von Beschäftigung und Nichtbeschäftigung akzeptiere. "Es ist trotzdem ein blödes Gefühl, wenn man wieder zu Hause sitzt", sagt Dietmar Bresselschmidt aus Heiligenwald, der gerade einen Schichtrhythmus beendet hat. Der 47-Jährige, der aus einer alten Bergmann-Familie stammt und schon 29 Jahre im sogenannten Vortrieb Kohle abbaut, fürchtet zudem finanzielle Einbußen.

Mit gemischten Gefühlen warten auch andere Bergleute auf den nächsten Lohnzettel. Erst am 15. April stehe fest, was wirklich in den vergangenen Wochen verdient wurde, erläutert Betriebsrat Viktor Schug. Denn beim bislang letzten Lohnzettel habe nur eine Woche Kurzarbeit zu Buche geschlagen. Auch hätten viele die Kurzarbeit abgemildert, indem sie Urlaub nahmen oder Überstunden abbauten.

Geldsorgen der Kumpel sind aber nicht das Einzige, womit der Betriebsrat konfrontiert wird. Besonders groß sei auch die Angst vor der Zukunft, betont Schug. Vor allem weil es bereits 40.000 Arbeitslose im Saarland gibt: "Welche Firma nimmt denn da noch den 42-jährigen Bergmann, der bis zu 28 Jahre unter Tage auf dem Buckel hat."

Viele der Bergleute wollen aber noch nicht wahrhaben, dass ihr Berufsstand an der Saar offenbar wirklich vor dem "Aus" steht. Am Eingang zum Schacht "Duhamel" brennt rund um die Uhr ein Mahnfeuer. Zudem demonstrieren viele Betroffene mit Mahnmärschen in den saarländischen Kreisstädten. "Wir haben schon mehr als 100.000 Unterschriften von Unterstützern gesammelt", betont Betriebsratsvorsitzender Becker. Sie würden in Kürze an Ministerpräsident Peter Müller (CDU) überreicht.

Die Unterstützung hat jedoch ihre Grenzen, die Stimmung in der Bergbauregion bleibt angespannt, teilweise sogar aggressiv. Die Erdbeben der vergangenen Monate haben viele Häuser beschädigt und die dortige Bevölkerung fordert einen radikalen Abbaustopp. Die Bergleute würden durch Warnschilder mit zerbrochenen Häusern und pauschale Vorwürfe ihrer Nachbarn regelrecht gemobbt, kritisiert Betriebsrat Schug. "Schulkinder trauen sich oft nicht mehr zu sagen, dass ihr Vater Bergmann ist."