Belastung zu groß

RWE verwahrt sich gegen Kritik nach Stromausfällen

Nach der Wiederherstellung der Versorgung im westlichen Münsterland zog RWE gestern in Essen eine erste Bilanz über die Ursachen. Die Schäden an Strommasten seien auf die extreme Wettersituation zurückzuführen, die nach Einschätzung von Meteorologen ein Jahrhundertereignis war, hieß es.

Netzausbau Ökostrom© Gina Sanders / Fotolia.com

Essen (ddp-nrw/sm) - Im Zusammenhang mit den Stromausfällen nach der Schneekatastrophe im Münsterland weist der Energiekonzern RWE nach wie vor Kritik am Zustand seiner Masten und Leitungen weiter entschieden zurück. "Der Belastung durch die Kombination von Nass-Schnee, Eis und Wind hätte nach unserer Berechnung keiner der in Mitteleuropa verwendeten Masten standgehalten", sagte der Vorstandschef der Konzernstromsparte RWE Energy, Berthold Bonekamp, am Dienstag in Essen. Für solche Naturereignisse könne es "keine absolute Vorsorge" geben.

"RWE spart nicht an Sicherheit"

Zur genauen Analyse der Schäden hat Deutschlands größter Stromversorger nun einen Gutachter beauftragt. Sein Bericht soll die Grundlage sein für Gespräche mit Politik und Bundesnetzagentur über mögliche rechtliche Folgen. RWE geht aber nicht davon aus, grob fahrlässig gehandelt zu haben. "Wenn da eine Schuld ist, müssen wir uns ihr stellen. Aber ich sehe sie nicht", sagte Werner Roos, für die Stromnetze zuständiges Vorstandmitglied von RWE Energy. Vor diesem Hintergrund wies RWE auch Vorwürfe zurück, nicht genug in die Netzinfrastruktur investiert und seine Aufwendungen für die Instandhaltung der Netze zurückgefahren zu haben. "RWE spart nicht an der Sicherheit. Es gibt keine finanziellen Limitierungen des Programms zur Mastsanierung", betonte Bonekamp. Durchschnittlich investiere das Unternehmen jährlich rund zwei Milliarden Euro in das deutsche Stromnetz. Masten und Leitungen würden regelmäßig und in zum Teil kürzeren Abständen als branchenweit üblich überprüft.

82 Masten knickten um

Insgesamt knickten laut RWE während der Schneekatastrophe im Münsterland 82 Masten um. 52 davon waren aus dem heute nicht mehr verwendeten Thomasstahl gebaut, der wegen angeblicher Brüchigkeit ebenfalls in die Kritik geriet. Dazu sagte Bonekamp, eine Versprödung älterer Strommasten aus Thomasstahl sei "nicht zwingend". Auch neuere Masten aus den 1990er Jahren hätten den Naturgewalten nicht standgehalten. Die Gewichtsbelastung durch Eis und Schnee habe im Münsterland um das 15-fache über dem für Stromleitungen vorgeschriebenen Grenzwert gelegen.

Seit 2001 läuft im Konzern ein Sanierungsprogramm für ältere, mit Thomasstahl gebaute Strommasten aus den 1960er Jahren. Das Programm könne aber aus technischen Gründen nicht beschleunigt werden, merkte Bonekamp an. Von den insgesamt 44 000 Strommasten im gesamten RWE-Versorgungsgebiet sind noch 28 000 Masten aus Thomasstahl. Von diesen Thomasstahl-Masten hat RWE 2846 Stück als vordringlich sanierungsbedürftig eingestuft. 70 Prozent davon seien bereits saniert, der Rest folge im nächsten Jahr, hieß es. RWE entstand durch die Mastbrüche nach eigenen Angaben ein Schaden von 35 Millionen Euro. Die Reparaturen der zerstörten Leitungen sollen noch drei Monate dauern. Mit einem Härtefallfonds über fünf Millionen Euro will RWE von den Stromausfällen besonders betroffene Bürger unterstützen. Erste Auszahlungen sollen in Kürze erfolgen.

Thoben: RWE doch in der Haftung?

Die nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerin Christa Thoben (CDU) deutete unterdessen eine Haftungspflicht von RWE für die tagelangen Stromausfälle im Münsterland für den Fall an, dass der Energiekonzern von maroden Strommasten gewusst hat. Mit Blick auf den Spiegel-Bericht sagte Thoben, es sehe so aus, "als ob doch die Kenntnisse über Mängel im Netzsystem schon deutlich früher vorlagen als uns bislang bekannt war". Wenn die Informationen stimmten, bedeute das für sie "höchste Alarmstufe", erklärte die CDU-Politikerin. Auch nach Angaben des Bundesverbands der Energie-Abnehmer (VEA) fuhren die Energiekonzerne die Investitionen in ihre Netze in den vergangenen Jahren stark zurück. Allein von 1995 bis 2004 hätten sich die Ausgaben hierfür halbiert, sagte VEA-Vorstandsmitglied Manfred Panitz im Deutschlandradio Kultur. Kunden hätten viel mehr für die Sicherheit der Versorgung gezahlt als in die Netze geflossen sei. Die Versorger hätten diese Einnahmen schließlich als Gewinne verbucht, erläuterte er.

Die rheinland-pfälzischen Grünen forderten gestern, dass die maroden Strommasten im Land ausgetauscht werden. "Die Stromkonzerne haben die hohen Strompreise immer mit der hohen Qualität und Sicherheit ihrer Netze gerechtfertigt" sagte der Energieexperte der Grünen, Bernhard Braun, am Dienstag in Ludwigshafen. Diese Sicherheit müsse so schnell wie möglich wieder hergestellt werden. Der Haupt-Netzbetreiber RWE müsse alle Strommasten, die aus Thomasstahl bestehen, prüfen und gegebenenfalls austauschen.