Übertriebene Hetze?

RWE und die morschen Strommasten: Zügige Aufklärung nötig

Von besinnlicher Vorweihnachtszeit wird wohl bei RWE nicht viel zu spüren sein: Nach dem Schneechaos im Münsterland zu Beginn letzter Woche und der "Spiegel"-Veröffentlichung, steht der Energieversorger massiv unter Druck: Er soll von maroden Strommasten gewusst aber nicht ausreichend gehandelt haben.

Netzausbau© Thomas Aumann / Fotolia.com

Düsseldorf/Münster (ddp-nrw/sm) - Neue Entwicklungen nach dem Schneechaos im Münsterland: Als Reaktion auf die am Wochenende bekannt gewordenen, angeblichen Sicherheitsmängel im RWE-Freileitungsnetz forderte NRW-Wirtschaftsministerin Christa Thoben (CDU) am Montag eine umfassende und exakte Aufklärung der Vorwürfe. RWE Energy müsse zügigst klären, wie viele Hochspannungsmasten noch sanierungsbedürftig seien, sagte Thoben in Düsseldorf.

Politiker fordern lückenlose Aufklärung

Bis Mitte dieser Woche erwartet die Landesregierung einen Bericht von RWE, in dem das Unternehmen Auskunft gibt über den Umfang der Investitionen in die Stromnetze in den vergangenen zehn Jahren, die Wartungs- und Unterhaltungsinvestitionen sowie über Alter und Zustand der Strommasten. Geklärt werden solle auch, wann die in Rede stehenden Materialfehler bekannt geworden und wie schnell Konsequenzen eingeleitet worden seien. Auch Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) forderte gestern von der Energiewirtschaft Rechenschaft über die Stromausfälle nach den Schneefällen im Münsterland. Der Wirtschaftsausschuss des Landtags wird sich am Freitag in einer Sondersitzung mit dem Thema beschäftigen. Der wirtschaftspolitische Sprecher der NRW-Grünen, Reiner Priggen, will dabei einen Fragenkatalog an die Landesregierung vorlegen. Dabei gehe es auch um die Frage, ob die Aufsichtsbehörden bei der Genehmigung der Masten versagt haben, sagte er.

Amtsgericht beauftragt Gutachter

Ein Landwirt aus Ochtrup will nun per Gutachten ermitteln lassen, ob der Energieversorger RWE bei der Errichtung seiner Strommasten fehlerhaftes Material verbaut und die Masten möglicherweise unzureichend gewartet hat. Der Landwirt beantragte deshalb beim Amtsgericht Steinfurt ein so genanntes selbstständiges Beweisverfahren. Das Amtsgericht beauftragte den Angaben zufolge Rolf Kindmann vom Lehrstuhl für Stahl und Verbundbau an der Ruhr-Universität Bochum als Gutachter. Wie lange die Untersuchungen dauern, ist nach Angaben von Kindmann derzeit noch unklar.

NRW.Bank vergibt zinsgünstige Sonderkredite

Die NRW.Bank hat derweil für die von der Schneekatastrophe betroffenen Betriebe ein Sonderkreditprogramm aufgelegt. Der "Schneechaos-Kredit" richtet sich an Landwirte und Gewerbetreibende, die durch die Stromausfälle in finanzielle Engpässe geraten sind. Die Kredite können im Einzelfall bis zu zwei Millionen Euro betragen und werden über maximal drei Jahre Laufzeit zum verbilligten Zinssatz von 4,2 Prozent angeboten.

Die "Rheinische Post" forderte RWE unterdessen zum handeln auf: "Selbst wenn sich herausstellen sollte, dass in und um Ochtrup herum nicht nur Masten aus Thomasstahl umgeknickt sind, muss RWE Tempo machen. Denn ein umgefallener instabiler Strommast dürfte auch stabile Masten zum Einsturz bringen." Wichtig ist nun vor allem, dass die "Wackelkandidaten" unter den Masten schleunigst verschwinden. Dies zu veranlassen, dürfte einem Unternehmen mit Milliarden-Gewinnen nicht allzu schwer fallen, hieß es weiter. Holger Krawinkel, Energie-Experte des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, sagte gestern im "ZDF-Mittagsmagazin": "Ich kann dem Konzern nur raten, die Unterlagen über die Stromversorgung wirklich offen zu legen", um mögliche Gefahren im Stromnetz untersuchen zu können.

Zwischenfälle auch anderswo möglich

"Eine solche Eislast wie im Münsterland hätten auch unsere Masten nicht ausgehalten", sagte Geraldine Schroeder, Sprecherin von Vattenfall Europe, dem "Tagesspiegel" (Dienstagausgabe). Ähnlich sieht das Dirk Ommeln, Sprecher von Energie Baden-Württemberg (EnBW): "Es wäre unredlich zu behaupten, dass bei uns solche Probleme nicht auftauchen könnten.

Stahlexperten: RWE benutzt "faule Ausrede"

Stahlspezialisten halten die Darstellung des Energiekonzerns RWE indes für unhaltbar, mangelhafte Stahlqualitäten seien für den mehrtägigen Netzzusammenbruch im nordrhein-westfälischen Münsterland verantwortlich. "Das ist eine faule Ausrede. Man hat die Instandhaltung sträflich vernachlässigt", sagte Akos Paulinyi, Spezialist für Eisenhüttentechnik, der "Financial Times Deutschland" (Dienstagausgabe). "Es gibt massenhaft Konstruktionen aus Thomasstahl, die über 100 Jahre alt und einwandfrei in Ordnung sind. Man muss sie allerdings vernünftig pflegen", sagte Walter Suttrop, industrienaher Stahlbauberater in Düsseldorf.

RWE wies den Vorwurf schludriger Wartung erneut zurück. Seit bekannt sei, dass Thomasstahl spröde werden könne, laufe ein Sanierungsprogramm über 550 Millionen Euro. 70 Prozent der 2900 Problemmasten seien bereits ausgetauscht. "Leitungen werden jährlich überprüft, auch per Hubschrauber", sagte ein Sprecher. Paulinyi ließ das nicht gelten. RWE scheue die Personalkosten: "Instandhaltung kann man nicht automatisieren. Man muss von Mast zu Mast gehen, hochklettern und nachschauen. Das geht nicht per Flugaufsicht", sagte der emeritierte Professor. RWE hatte die Wartung 2003 in eine Servicegesellschaft ausgegliedert.

Branche: Versorgungssicherheit nicht gefährdet

Der Verband der Elektrizitätswirtschaft (VDEW) sieht die Versorgungssicherheit jedoch auch trotz der Zwischenfälle im Münsterland gewährleistet. Bislang habe man keine Zweifel an der Versorgungssicherheit, sagte VDEW-Hauptgeschäftsführer Eberhard Meller am Dienstag in Berlin. "Zum jetzigen Zeitpunkt kann man noch nicht von einem zusätzlichen Sanierungsbedarf sprechen", sagte er. Meller wies darauf hin, dass unabhängig von den Versorgungsausfällen im Münsterland in den nächsten 20 Jahren Investitionen in die Netze von rund 20 Milliarden Euro geplant seien. Auch die Deutsche Energie-Agentur (dena) wies auf die hohe Versorgungssicherheit in Deutschland hin und warnte vor einer "übertriebenen Hetze" gegen die Energiekonzerne. Die Stromausfälle im Münsterland seien ein "lokales Ereignis" gewesen, sagte Geschäftsführer Stephan Kohler am Dienstag in Berlin. Den Betroffenen riet er, eventuelle Schadenersatzansprüche zu prüfen.