Auswirkungen auf Europa

Russland dreht Ukraine den Gashahn komplett zu (Upd.)

Russland hat seine Gaslieferungen über die Ukraine komplett gestoppt: Seit heute Morgen fließt kein russisches Gas mehr durch die ukrainischen Pipelines. Schon gestern kam es zu erheblichen Versorgungsausfällen, besonders dramatisch ist die Lage in südosteuropäischen Ländern.

Netzausbau Ökostrom© Gina Sanders / Fotolia.com

Kiew (AFP/sm) - Die Ukraine habe die letzte von vier Transit-Leistungen geschlossen, teilte der Gazprom-Vizechef Alexander Medwedew mit. Das Unternehmen wirft der Ukraine vor, das für den Export bestimmte Gas für Eigenzwecke abzuzweigen. Darum gebe es keinen Grund mehr, für Westeuropa bestimmtes Gas in die Ukraine zu pumpen.

Die großen deutschen Gasimporteure versuchen nun, über alternative Routen die Versorgung in ganz Deutschland sicherzustellen. Statt durch die Ukraine werde russisches Gas mittlerweile verstärkt über Weißrussland und Polen nach Europa geleitet, teilte Wingas-Chef Gerhard König am Mittwoch mit. Auch Eon Ruhrgas bestätigte, dass Russland versuche, über alternative Routen Erdgas nach Deutschland zu liefern.

Schwere Auswirkungen in Südosteuropa

Gazprom hatte schon in den vergangenen Tagen die Lieferungen über die Ukraine immer weiter gedrosselt. Von den Engpässen sind vor allem Ost- und Südosteuropa betroffen, aber auch in Italien und Frankreich waren russische Erdgaslieferungen deutlich reduziert. Einem Sprecher des italienischen Energieunternehmens ENI zufolge seien nur zehn Prozent der üblichen Erdgaslieferungen aus Russland eingetroffen. In Frankreich sei die gelieferte Gasmenge am Dienstag um über 70 Prozent zurückgegangen.

In Ungarn und Bosnien brach die Versorgung mit russischem Erdgas unterdessen vollständig zusammen. Besonders dramatisch war die Lage in Bosnien, das vollständig von russischen Erdgaslieferungen abhängig ist. Die Slowakei rief den Energienotstand aus, Bulgarien rationierte die Gasversorgung für die Industrie. In Serbien wachten Bewohner einiger Regionen heute Morgen in kalten Wohnungen auf, da einige Heizkraftwerke aus technischen Gründen nicht mit Öl statt Gas betrieben werden könnten.

Auch Österreich und Tschechien sind seit heute Morgen vollständig vom russischen Gas abgeschnitten. Österreich könne den aktuellen Ausfall dank Speicherkapazitäten kompensieren. Das Wirtschaftsministerium wolle voraussichtlich an diesem Freitag eine Notverordnung darüber erlassen, wie die Gasreserven verteilt werden können, notfalls müsse der Verbrauch großer Industriebetriebe eingeschränkt werden.

Glos mahnt zur Einigung

Bundeswirtschaftsminister Glos hat erneut die deutschen Verbraucher beruhigt. Die Versorgung sei für lange Zeit gesichert. In Deutschland gebe es derzeit noch Gasreserven für rund drei Monate, die aufgrund der kalten Witterung allerdings schneller schrumpfen könnten. Doch im Gegensatz zu anderen Ländern sei die Bundesrepublik nicht ausschließlich auf russische Lieferungen angewiesen.

Der Minister forderte Russland und die Ukraine auf, eine schnelle Lösung in ihrem Streit zu finden und nicht andere Länder als Geisel zu nehmen. Gleichzeitig sprach er sich dafür aus, die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft vom Gas zu verringern. So sei es falsch, immer mehr Strom aus Gas zu erzeugen.

Auch Bundeskanzlerin Merkel hat Russland und die Ukraine zu einer raschen Rückkehr an den Verhandlungstisch zur Lösung des Gasstreites aufgefordert. Merkel habe am Mittag mit dem russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin und der ukrainischen Ministerpräsidentin Julia Timoschenko mit dem Ziel telefoniert, die Gaslieferungen nach Westeuropa schnell wieder aufzunehmen, teilte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm am Mittwoch Berlin mit.

Laut dem Branchenverband BDEW bezieht Deutschland 37 Prozent seines Gasbedarfs aus Russland. Davon werde nur ein Teil über die ukrainischen Pipelines bezogen. Norwegen sei mit 26 Prozent des Bedarfs vor den Niederlanden (18 Prozent) ein weiterer wichtiger Lieferant. In diesen Ländern könnte kurzfristig mehr bestellt werden.