Im Tagesspiegel

Russischer Wissenschaftler: Tschernobyl kann wieder passieren

Nach Ansicht des russischen Physikers Wladimir Kusnezow kann sich in russischen Kernkraftwerken ein Unfall wie der vor 20 Jahren in Tschernobyl wieder ereignen. "Das kann ganz leicht passieren", sagte er dem Berliner "Tagesspiegel". Der Staat würde das Risiko bewusst in Kauf nehmen.

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Berlin (red) - Der letzte Unfall ereignete sich laut Kusnezow im Mai 2005 im Leningrader Atomkraftwerk. "Erst nach zehn Tagen bestätigte der russische Energiekonzern Rosenergoatom, dass es einen Unfall gab. Was in Tschernobyl war oder heute ist, macht keinen Unterschied. Die Leute, die heute in den russischen Atomenergiebehörden arbeiten, sind die gleichen wie damals. Die Hauptursache für Tschernobyl liegt im Kopf, im Denken der Menschen. Es wurden keine Lehren gezogen."

Für die Schließung der Reaktoren des Tschernobyl-Typs, die laut Kusnezow "von keiner guten Qualität" sind, wolle in Russland niemand Geld ausgeben. Eine Schließung koste 500 Millionen Dollar pro Reaktor. "In Russland existieren heute 16 Reaktoren der ersten Generation. Sie sind 30 und mehr Jahre alt und müssten abgeschaltet werden. Aber sie laufen weiter, und der Staat nimmt dieses Risiko bewusst in Kauf", sagte Kusnezow.

Der Physiker arbeitete vor dem Unglück als Ingenieur im Kernkraftwerk Tschernobyl, leitete von 1985 bis 1992 die russische Atomaufsicht und ist heute Programmdirektor für nukleare Sicherheit bei Green Cross Russland, einer von Michail Gorbatschow gegründeten Organisation zur Bewältigung von Militär- und Industriekatastrophen.

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