Der lange, lange Ausstieg

Rheinsberg: Die älteste Atomruine Deutschlands

Ein Vorgeschmack auf das Dilemma des deutschen Atomausstiegs steht tief im Wald im Norden Brandenburgs. Wälder und Seen umranken die älteste Atomruine Deutschlands, das Kernkraftwerk Rheinsberg an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern. Der Meiler wurde bereits 1990 stillgelegt - und der Rückbau ist noch lange nicht fertig.

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Rheinsberg (dapd/red) - 1966 ging das nach sowjetischem Vorbild gebaute Kraftwerk als erstes auf deutschem Boden ans Netz, im Wendejahr 1990 war Schluss. Seit 18 Jahren reißen Arbeiter die alten Anlagen ab und sind noch lang nicht fertig. Mit 560 Millionen Euro kalkulieren die Energiewerke Nord (EWN) als einstiger Betreiber die Kosten. Mitten im Wald arbeiten heute 130 Spezialisten, viele von ihnen erlebten den Meiler zu DDR-Zeiten noch im vollen Betrieb.

Im Jahr 2014 etwa sollen die Arbeiten an den kerntechnischen Anlagen abgeschlossen sein. Das bedeutet, das eigentliche Kraftwerk ist dann entkernt, während das Gebäude und auch der Bürotrakt weiter stehen bleiben. Für die Arbeit an diesen Häusern sind weitere fünf Jahre vorgesehen. Sie sollen aber vermutlich auch dann nicht abgerissen werden. Zwar stünden die Gebäude dann wohl noch für Jahrzehnte in einer Sperrzone mitten im Naturidyll, doch es sei weitaus günstiger, die Strahlung einfach abklingen zu lassen.

20 Jahre Rückbauzeit sind normal

Der Ausstieg aus der Kernenergie in Rheinsberg wird wohl länger dauern als der russische Druckwasserreaktor in Betrieb war. Rheinsberg ist dabei das Symbol für 26 weitere Atomanlagen in Deutschland, die längst stillgelegt oder vergangenes Jahr nach der Katastrophe von Fukushima vom Netz genommen wurden oder bis zum endgültigen Atomausstieg noch abgeschaltet werden sollen.

Denn wenn ein Kraftwerk vom Netz geht, dann gehen drinnen eben noch lange nicht die Lichter aus. 20 Jahre dauert es nach Schätzung des EWN-Geschäftsführers Jürgen Ramthun auch bei den westdeutschen Reaktoren, bis ihr kerntechnisches Innenleben rückgebaut ist - dies zeige auch das Beispiel des in den 1990er Jahren stillgelegten Kraftwerks Würgassen in Ostwestfalen.

Auch der Steuerzahler muss blechen

Im Falle der DDR-Meiler von Rheinsberg und Lubmin bei Greifswald an der Ostsee kommt der Steuerzahler für die Rückbaukosten allein auf. Für den Rückbau aller kommerziell betriebenen Anlagen zahlen die Stromkonzerne selbst. Rund 30 Milliarden Euro wurden dafür nach Angaben des Branchenverbandes, dem Deutschen Atomforum, in den Betriebsjahren zur Seite gelegt.

Doch ob diese Rücklagen ausreichen, wird von vielen Umweltschützern bezweifelt. Greenpeace forderte kürzlich in einer Studie, an das Risiko höherer Kosten zu denken - und warf die Summe von 44 Milliarden Euro in den Raum. Gleichzeitig warnen die Umweltschützer davor, allein die Energiekonzerne über die Rücklagen wachen zu lassen. Sie fordern einen auf Jahrzehnte angelegten staatlich überwachten Fonds.