Spendenbereitschaft lässt nach

Reaktorkatastrophe kaum noch in den Köpfen

20 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl lässt die Spendenbereitschaft der Deutschen rapide nach, das Unglück ist offenbar kaum noch in den Köpfen. Dabei wird es 24 000 Jahre dauern, bis vom ausgetretenen Uran nichts mehr zu merken ist. Niedersachsen will sich daher weiter um die Kinder kümmern.

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Hesel (ddp-nrd/sm) - Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ist offenbar kaum noch in den Köpfen. "Die Sensibilität hat niedersachsenweit rapide abgenommen", sagt Günther E. Weers aus dem ostfriesischen Hesel. Als Vorsitzender der Niedersächsischen Kontaktstelle Belarus (NiKoBela) vertritt er rund 50 Bürgerinitiativen, die sich ehrenamtlich um die Erholung von Kindern aus den am stärksten vom Nuklearunfall betroffenen Gebieten kümmern. "Alle Initiativen klagen, dass die Spendenbereitschaft zurückgegangen ist und sich immer weniger Gastfamilien finden", sagt der 55-Jährige. Dabei sei die Hilfe 20 Jahre nach der Katastrophe vom 26. April 1986 weiter unverzichtbar.

"Wir haben 20 von 24 000 Jahren hinter uns", erinnert Weers an die Halbwertzeit des strahlenden Materials. Lebensmittel aus der Katastrophenregion in Weißrussland, der Ukraine und Russland seien voraussichtlich erst danach wieder genießbar. Mit den alltäglichen Gesundheitsgefahren sei er während seiner Besuche selbst konfrontiert worden. So habe der Geigerzähler zum Beispiel über einem Braten in einem Restaurant oder einem Korb in einem Museum in der weißrussischen Hauptstadt Minsk extrem hohe Strahlenwerte angezeigt. Auch seien Öfen in den Häusern zu kleinen Kernkraftwerken geworden, weil kontaminiertes Holz aus dem Wald darin verfeuert werde. "Das Fatale ist, dass man Radioaktivität nicht sieht, riecht und schmeckt", sagt Weers.

Besonders Kinder leiden unter den Folgen der Reaktorkatastrophe. Weers: "Nur zehn Prozent der Kinder in Weißrussland werden gesund geboren. Das Immunsystem wird geschwächt. Man spricht von Tschernobyl-Aids." Umso wichtiger ist die Erholung. "Durch die frische Luft und die vitaminreiche Ernährung wird das Immunsystem der Kinder während der vierwöchigen Aufenthalte in Deutschland durchschnittlich für ein Jahr gestärkt", erklärt Weers, der sich auch als Kuratoriumsmitglied der Stiftung "Kinder von Tschernobyl" des Landes Niedersachsen engagiert. Nach seinen Angaben haben unabhängige Initiativen in Niedersachsen seit 1990 Erholungsaufenthalte für etwa 22 000 Kinder und Jugendliche organisiert. Weitere 20 000 Kinder und Jugendliche sowie Mütter mit Kleinkindern waren laut Evangelischer Landeskirche Hannover in 28 Kirchenkreisen zu Gast.

Zum 20. Jahrestag der Reaktorkatastrophe hofft Günther E. Weers, dass die gravierenden Auswirkungen wieder bewusster wahrgenommen werden. Der jüngst von den britischen Wissenschaftlern Ian Fairlie und David Sumner vorgelegte TORCH-Report (The other report on chernobyl) gebe genügend Anlass dazu. In ihrer kritischen Analyse von Berichten der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kommen Fairlie und Sumner zu dem Ergebnis, dass zirka 40 Prozent der Gesamtfläche Europas durch den radioaktiven Niederschlag mit dem Spaltprodukt Cäsium-137 kontaminiert wurden. Auch Deutschland ist bis heute betroffen. Weers: "Vom Verzehr von Wildschweinfleisch und Pilzen aus Bayern rate ich ab. Die geltenden Grenzwerte werden noch immer weit überschritten."

Von ddp-Korrespondent Holger Szyska